Fische

Ungewollte Hormontherapie

Rauschen und Brummen: Der Pumpenkeller ist Manfred Beublers "Büro" - rund zwölf Meter unter dem Rheinwasserspiegel.

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Rauschen und Brummen: Der Pumpenkeller ist Manfred Beublers "Büro" - rund zwölf Meter unter dem Rheinwasserspiegel.

Einst als «grösste Kloake Europas» verschrien, gilt der Rhein heute als weitgehend erholt. Doch da hormonaktive Stoffe im Wasser die Fischpopulationen gefährden, soll mit Ozon oder Pulveraktivkohle Abhilfe geschaffen werden.

Michèle Faller

Auf der Höhe des flachen Gebäudes in Weil am Rhein sind auf beiden Seiten des Ufers zwei grosse Verbotstafeln zu sehen. «Ankerverbot herrscht hier deshalb, weil sich unter der Wasseroberfläche die fünf Entnahmestränge befinden», erklärt Manfred Beubler von der Abteilung Gewässerschutz des Amts für Umwelt und Energie Basel-Stadt. Folgt man Beubler in die Rheinüberwachungsstation (RÜS), zeigt sich die Grösse des unscheinbaren Hauses unterirdisch. Je mehr Treppenstufen nach unten, desto lauter wird das Rauschen und Brummen.

Im Pumpenkeller, etwa zwölf Meter unter der Erdoberfläche und somit unter dem Rheinwasserspiegel, münden die fünf Entnahmestränge, die über die ganze Flussbreite verteilt sind. Stattliche zehn mal 15 Kubikmeter Rheinwasser fliessen hier pro Stunde durch. «Hier im Raum Basel fliesst das Rheinwasser ‹en bloc› runter und vermischt sich nicht», erklärt der Abteilungsleiter des Gewässerschutzes. Deshalb würden für die tägliche Routineuntersuchung die fünf Teilströme in der nebenan befindlichen Mischbatterie mengenproportional vermischt.

Chemie ist über Anrufe dankbar

Ein Stock weiter oben, im Probenentnahmeraum. Ein Gerät zeigt die kontinuierlichen Messungen von pH-Wert, Leitfähigkeit, Sauerstoff und Temperatur des Rheins an. Das brauche man für statistische Auswertungen der Rheinqualität. «In den letzten zehn Jahren ist die Durchschnittstemperatur des Rheins stetig angestiegen», sagt Beubler ernst. Nun öffnet er einen Kühlschrank und präsentiert den Ereignisprobennehmer. In verschiedenen Flaschen werden Tagesproben der fünf Entnahmestränge aufbewahrt, und wenn sich in der repräsentativen Mischprobe, die täglich im Labor analysiert wird, etwas findet, was dort nicht hineingehört, geben die Ereignisproben darüber Auskunft, woher es stammt. Wenn ein Schadstoff gemessen werde, der aus Basel kommt, rufe man bei der Chemie an, sagt Beubler. Die seien teilweise dankbar um die Information, etwa wenn eine Daueremission auf eine defekte Anlage hinweise.

«Mit dem Wasser werden auch die ganzen Arzneimittel aus den Kläranlagen in die Flüsse getragen», sagt Beubler zum Thema chemische Verschmutzung. Und Fischereiaufseher Hans-Peter Jermann berichtet, dass vor allem unterhalb von Kläranlagen wegen der hormonaktiven Stoffe eine Verweiblichung der Fische zu beobachten sei. Bei den männlichen Fischen verlangsame sich die Spermienreife und es entstehe eine Sonderform der Zwitterbildung. «Das ist ein Problem, denn die Reproduktion der Fische nimmt ab, was Auswirkungen auf die gesamte Nahrungskette im Fluss hat», betont Jermann. Verbessere sich die Wasserqualität, normalisiere sich auch das Geschlechterverhältnis bei den Fischen. Das könne aber bis zu zehn Jahren dauern, wissen die beiden Fachmänner.

Dem entgegenwirken soll das Projekt «MicroPol». In Pilotversuchen werde an verschiedenen kommunalen Abwasserkläranlagen eine vierte Reinigungsstufe mit Ozon beziehungsweise Pulveraktivkohle getestet, berichtet Beubler. Durch die Ozonierung sei die Toxizität des gereinigten Abwassers wesentlich zurückgegangen. «Um die vierte Stufe wird die Abwasserreinigung nicht umhinkommen», ist Manfred Beubler überzeugt, denn in der pharmazeutischen Wissenschaft könne man keine Grenzwerte festlegen. «Das menschliche Leben geht vor. Wenn ich krank bin, interessiert mich der Fisch eben nicht.»

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