Ungesichert – Leben am Limit

Bereits als vierjähriger Knirps fühlte er sich auf dem Seil der Schweizer Zirkus-Familie Nock wohler als auf dem Boden. Mit elf begann er mit dem Hochseilakt. Nachdem der waghalsige Aargauer vor drei Wochen seinen ersten Lauf auf der Seilbahn zur Zugspitze (höchster Berg Deutschlands) wegen Nebel und Nässe abbrechen musste, brachte er im zweiten Versuch die 995 Meter mit 56-prozentiger Steigung ungesichert in 50 Minuten hinter sich.

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Aargauer Zeitung

Von Barbara Rüfenacht

Zur Person

Alfredo Nock Junior ist 1964 in Gränichen geboren und stand bereits als Vierjähriger im bekannten Schweizer Familienzirkus Nock auf dem Seil. Weil er von Kindsbeinen an durch die Manegen der Welt zog, erfuhr er nur eine rudimentäre Schulausbildung. Nach internationalen Wanderjahren machte er sich als Hochseilläufer einen Namen und stellte in dieser Disziplin 5 Weltrekorde auf. Er beherrscht auch den Schwankenden Masten, das Todesrad und die Motorradkugel. Als Artist wurde er mehrfach ausgezeichnet, so etwa mit der Silbermedaille beim Internationalen Zirkusfestival in Monte Carlo.
Er ist Vater von 4 Töchtern und lebt mit seiner Partnerin und deren 2 Kindern in Uerkheim.

Im Restaurant Sonne in Uerkheim weiss jeder, wo Freddy Nock wohnt. Man könne das Haus mit dem Todesrad im Garten nicht verfehlen. Der 45-jährige Weltartist, der schon früh mit Preisen an internationalen Nachwuchsfestivals ausgezeichnet wurde, ist ein Dorfheld. Nicht nur weil er in der örtlichen Feuerwehr mitmacht. Als Mensch sei er trotz seiner Hochseilkünste auf dem Boden geblieben. Besonders die Kinder können nicht genug von ihm kriegen und stehen regelmässig am Gartenzaun, um den Artisten beim Training zu erwischen.

Nicht selten bekommt man in solchen Momenten die ganze, bunt zusammengewürfelte Familie auf dem Trainingsseil zu sehen. Mit seiner Partnerin Ximena, die mit ihren Kindern der Liebe wegen in den Aargau gezogen ist, teilt sich der Vollblutvater seit seiner Scheidung die Betreuung der sechs Kinder. Bei der 20-jährigen Stephanie

sickert das Zirkusblut durch: Sie stellte bereits einen Weltrekord als Motorrad-Artistin auf. Ihre Zwillingsschwester Melanie lernt Coiffeuse. «Ich rede meinen Kindern nicht drein», erklärt Freddy, der mit einem dominanten Vater aufgewachsen und um die Welt gereist ist.

Bis 1976 verbrachte Alfredo «Freddy» Nock Junior sein Leben im Zirkus. Es waren die Jahre, in denen sein Grossvater in fünfter Generation an der Spitze des Familienunternehmens stand. Doch die wirtschaftlichen Bedingungen waren hart, was immer wieder zu internen Zwistigkeiten führte. 1978 gründete Freddys Vater mit einem seiner Brüder einen eigenen Zirkus, der unter dem Namen «Alfredo Nock» durch die Länder zog. «Wir traten nun zu viert auf, mein Vater, meine Mutter, mein Onkel und ich.» Die Artistengruppe löste sich allerdings nach drei Jahren auf, die Mutter trennte sich vom Vater, als Freddy 15 Jahre alt war. «Ich war orientierungslos und versuchte mich in verschiedenen Jobs.»

Freddy Nock – in Kürze

Bei meiner Arbeit könnte ich am ehesten verzichten auf . . . die wachsenden Vorschriften, die artistische Höchstleistungen erschweren.

Bei meiner Arbeit freut es mich besonders, wenn . . . ich meinem Publikum aussergewöhnliche Darbietungen präsentieren kann.

Meine Freizeit verbringe ich am liebsten . . . mit meiner Patchworkfamilie.
Meine Motivation hole ich mir . . . aus dem Vertrauen heraus, dass man immer wieder neue Grenzen überschreiten kann.

Am liebsten esse ich . . . Pizza Margarita mit viel Mozzarella.

Am liebsten trinke ich . . . Cola.

Als Bürger ärgere ich mich . . . über die eingeschränkten Freiheiten.

Als Spengler war der Jugendliche besonders begehrt, weil er mühelos überall herumkletterte. Aber das Artistenblut köchelte weiter in ihm, manchmal leise, dann wieder heftig. Eines Tages wusste er, dass er zum bürgerlichen Leben nicht taugt, und begann, eigene Nummern auf Stelzen zusammenzustellen. Im Circus Royal und bei zahlreichen internationalen Gastauftritten feierte er sofort grosse Erfolge, bis ihn der deutsche Zirkus flic flac, berühmt für seine experimentellen Programme, zu sich holte. Der Schweizer tauschte das Glitzerkostüm gegen einen Priesterumhang und spielte sich rasch in die Herzen der Zuschauer. «Es war meine beste Zirkuszeit», erinnert er sich.

Bei flic flac legte er auch seinen Aberglauben ab, der in allen Artistenfamilien zelebriert wird: «Lief einem eine schwarze Katze von rechts über den Weg, beschwor das ein Unglück herauf.» Von alten Fesseln befreit, trat der Akrobat fortan in Jeans auf - ein Novum in der glitzernden Manegenwelt. Gewöhnliche Nummern reizten ihn nicht mehr, er wollte Grenzen in der Artistik überschreiten. Das gelang ihm auf Anhieb mit dem Todesrad. 2006 stellte er mit dem Ultramarathonläufer Joey Kelly am RTL-Spendenmarathon einen neuen Weltrekord auf: Sie liefen 24 Stunden lang im Todesrad.

Seine Lebenspartnerin und die Kinder wissen, dass sie ihrem Freddy vertrauen können. «Ich will leben, nicht abstürzen», sagt er nachdenklich und gibt zu, dass er vor dem Fliegen, vor Haien und dem Lesen und Schreiben Angst hat. Weil er von Kindsbeinen an durch die Welt zog, genoss er nur eine rudimentäre Schulbildung. Was macht ihn heute auf glitschigen Drahtseilen in dünner Luft so sicher? «Ich kenne mich selber sehr gut und weiss, was ich mir zutrauen kann.» Aber die beste Technik und das grösste Talent liegen brach, wenn die Öffentlichkeit nicht mitmacht. «Bergbahnbetreiber lassen fast nur noch gesicherte Hochseilläufer auf ihre Drähte.» Für den Vollblutartisten ein Drama, denn er läuft nur ungesichert. «Das gehört einfach zum richtigen Seillaufen und ich habe schon einige Unfälle wegen der Sicherungen gesehen.»

Die vielen Vorschriften lassen ihn nach neuen Möglichkeiten suchen. «Wer weiss, vielleicht mache ich wieder einmal eine verbotene Nacht-und-Nebel-Aktion von Kirchturm zu Kirchturm.» Manchmal wird er von Privatleuten für aussergewöhnliche Aktionen gebucht. Das geniesst er. «Ich laufe mit 80 noch auf dem Seil, vielleicht nur noch im eigenen Garten, aber garantiert ungesichert.»

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