Gewalt
Undisziplinierte Jungfussballer

In der Super League sind es die randalierenden Fans, bei den Oberaargauer und Solothurner Fussball-Klubs die kickenden Junioren, die Infrastrukturen verwüsten, sich gegenseitig beschimpfen oder gar Schiedsrichter terrorisieren. Die Klubs stehen diesem neuen Trend hilflos gegenüber und versuchen gegen Erziehungsdefizite bei ihren Junioren anzukämpfen.

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Karikatur des Fussballs in Solothurn

Karikatur des Fussballs in Solothurn

Schweiz am Sonntag

Von Walter Ryser

12 Forfait-Niederlagen in einem halben Jahr

«Viele Junioren befinden sich in schlechten Händen», stellt Kurt Bieri, Leiter Spielbetriebe beim Fussballverband Bern/Jura (FVBJ), fest und weist damit auf den Mangel an qualifizierten Trainern bei den Klubs hin. Was sich auf oder neben den Fussballplätzen abspiele, davon habe der Verband nur teilweise Kenntnis, sagt Bieri. Denn alleine was die Verwarnungen und Platzverweise betreffe, stelle man einen Rückgang fest. Bieri führt dies auf die eingeleiteten Massnahmen zurück. «Wir haben massive Strafen gegen Spieler, Betreuer und Vereine ausgesprochen», erwähnt der 44-jährige Leiter Spielbetrieb, der seit 1994 vollamtlich für den FVBJ arbeitet. Bieri will mit dieser Feststellung das Problem der «randalierenden Junioren» nicht bagatellisieren. «Im Gegenteil, wir wissen genau, dass sich die Problematik weg vom Spielfeld ins Schulhaus, in die Garderoben oder das nahe Umfeld verlagert hat.» Dabei erzählt er, dass jüngst im Anschluss an ein C-Junioren-Spiel der Schiedsrichter während 20 Minuten von den Spielern und zum Teil auch deren Eltern am Wegfahren mit seinem Auto gehindert wurde. Ein anderer Verein kassierte nach einem Spiel seiner C-Junioren Bussen in der Höhe von 1200 Franken. Die Disziplinlosigkeiten beschränken sich aber nicht bloss auf das Benehmen während oder nach einem Spiel, bemerkt Kurt Bieri. «Die Junioren konsumieren den Fussball mittlerweile wie ein Stück Schokolade, einfach nach dem Lustprinzip. So kommt es vor, dass der Schiedsrichter und ein Team auf dem Platz stehen, der Gegner aber nicht erschienen ist, ohne sich abzumelden. Zu wenig Spieler oder keine Lust lautet im Anschluss jeweils die lapidare Begründung.» Ein Klub habe es sogar fertig gebracht, innerhalb eines halben Jahres 12 Forfait-Niederlagen zu kassieren, weil etliche seiner Equipen nicht zu den vorgesehenen Meisterschaftsspielen antraten ... (war)

Bilder von randalierenden Fussballfans nach Spielen der Super League sind uns mittlerweile vertraut. Was jedoch viele nicht wissen, ist, dass sich auch auf unseren Fussballplätzen, direkt vor unseren Haustüren, Woche für Woche Szenen abspielen, die man noch vor einigen Jahren kaum für möglich gehalten hat.
Im Mittelpunkt stehen dabei nicht etwa Fans, sondern die Spieler selbst, vor allem Junioren im Alter zwischen 14 und 20 Jahren. Ein Augen- und Ohrenschein auf einem regionalen Fussballplatz versetzt den Betrachter in ungläubiges Staunen, das sich bis zum Entsetzen ausweitet. Rassistische, sexistische und fremdenfeindliche «Streicheleinheiten» werden da verbal am laufenden Band ausgetauscht.

Anton Rölli, Juniorenobmann des SC Wynau, zuckt ratlos die Schultern, als er mit diesen Aussagen konfrontiert wird. Nicht, das er solches Gebaren tolerieren würde, «aber gewisse Schimpfwörter zählen mittlerweile schon zur Umgangssprache», betont der 40-jährige Strassenmeister und zweifache Vater, der bei seiner Aussage kaum Widerspruch von seinen Funktionärskollegen erntet. Aber auch die Schiedsrichter reagieren kaum noch auf die verbalen Attacken. Würden sie es nämlich tun, müsste fast jedes zweite Junioren-B- oder -C-Spiel abgebrochen werden, weil das reglementarisch vorgeschriebene Minimum an Spielern nicht mehr auf dem Feld vorhanden wäre.

Bei verbalen Attacken bleibt es jedoch nicht. Nach Spielschluss wird nicht selten die (körperliche) Konfrontation mit dem Gegner gesucht, wird der Schiedsrichter angepöbelt (siehe Kontexte), werden Garderoben und Infrastruktur verwüstet, wie jüngst in Lotzwil, als C-Junioren (Jahrgänge 1994/95) einer Gastmannschaft* ein «Kunstwerk» an den Garderobenwänden hinterliessen. Eine Woche zuvor waren es B-Junioren (1992/93) einer Equipe aus der Agglomeration Bern*, die noch vor der Partie die Kloschüsseln mit WC-Papier und Handtüchern verstopften und anschliessend über ihr Werk urinierten und so für eine unappetitliche Bescherung sorgten.

Die Fussballklubs und ihre ehrenamtlichen Helfer sehen sich mit einem neuen Trend konfrontiert, dessen Bewältigung sie zum Teil überfordert. «Es ist enorm wichtig, dass die Trainer dieses Gebaren unterbinden und sich durchsetzen», sagt Daniel Bader, Juniorenobmann des FC Aarwangen, dazu. «Man muss eine klare und unmissverständliche Sprache sprechen», sagt Adrian Ammann, Juniorenobmann des FC Roggwil.

Einig sind sich die beiden, dass hier Erziehungsdefizite auf dem Rücken der Fussballklubs ausgetragen werden. «Viele dieser Kinder finden nach der Schule ein leeres Zuhause vor, weil beide Elternteile arbeiten. Wenn jedoch keiner zu Hause ist, werden den Kindern auch keine Grenzen gesetzt», weist Ammann auf ein gesellschaftliches Problem hin. Bader bestätigt diese Feststellung und fügt hinzu: «Dadurch ist das Sozialverhalten bei vielen Jugendlichen absolut inexistent.»

Für Bader hat das gesamte gesellschaftliche System versagt: «Der Druck, der auf den Schülern lastet, ist enorm. Wer heute nicht in die Sekundarschule geht, der hat später im Berufsleben nur geringe Chancen.» Das betrifft vor allem Kinder ausländischer Familien. «Auf dem Fussballplatz öffnet sich dann das Ventil», so der 45-jährige Lagerist (Vater zweier Kinder), der sich seit 20 Jahren als Trainer oder Funktionär im Fussball engagiert.

Erziehungsdefizit wie eine soziale Behinderung

«Das Erziehungsdefizit ist bei manchen so gross, dass es wie eine soziale Behinderung wirkt», sagt Roland Stampfli. Er erkennt sowohl als Präsident des Solothurner Kantonal-Fussballverbandes SKFV als auch als Lehrer ähnliche Probleme. Zu viele Kinder werden im Elternhaus nicht oder ungenügend betreut. Werte wie Respekt und Anstand bleiben zu oft auf der Strecke. Sei es auf dem Fussballplatz oder in der Schule, das Erziehungsdefizit wirkt sich in Vandalismus und Gewaltbereitschaft aus. So musste eine Juniorenmannschaft kürzlich ohne zu duschen flüchten, während das Heimteam den Mannschaftsbus mit Steinen bewarf. Stampfli kann solche Auswüchse nur als «Katastrophe» bezeichnen. Dass der Vorfall den Heimklub teuer zu stehen kam, mache die Geschichte auch nicht besser. Roland Stampfli sieht solche Übergriffe als Problem der ganzen Gesellschaft, und nicht nur als Phänomen im Sport. Das Erziehungsdefizit sei eine Hauptursache, der SKFV-Präsident nennt aber noch eine andere: «Wenn die Jungen die Millionen-Boni der Bänker auf der einen Seite sehen und dann zum Beispiel der Vater die Kündigung bekommt, dann löst das einen gewaltigen Frust aus. Diesen lassen sie dann vielleicht auf dem Fussballplatz heraus.» So nahmen die Übergriffe auf die Schiedsrichter - allerdings nicht nur von Juniorenseite - zu Jahresbeginn solche Ausmasse an, dass der Solothurner Regionalverband mit einer neuen Vorschrift einschritt: Bis zur Sommerpause müssen alle Vereine bei Heimspielen zwei Begleitpersonen für die Schiedsrichter stellen. Und am Montag findet in Wangen an der Aare eine kurzfristig einberufene Sitzung mit Vereinsvertretern statt, um sich des Themas Sicherheit und Ordnung für die nächste Saison anzunehmen. (hps)

Der 37-jährige Adrian Ammann bestätigt: «Das Aggressionspotenzial bei ausländischen Junioren ist definitiv grösser.» Dem stimmt auch Nicole Gygax, Junioren-Obfrau beim FC Bützberg, zu: «Im Volleyball, Handball oder Curling ist das Bildungsniveau der Akteure höher. Mein Sohn beispielsweise spielt Curling. Es ist auffallend, dass der Umgang der Spieler untereinander ganz anders ist als im Fussball. Die Spieler agieren ruhiger und sind weniger aufbrausend.» Beinahe entschuldigend fügt die 43-jährige, zweifache Mutter aus Thunstetten noch hinzu, dass in diesen Sportarten kaum ausländische Kinder anzutreffen seien.

Die Klubs stellen sich dem neuen, unerfreulichen Trend entgegen. Beim FC Aarwangen müssen eintretende Junioren einen Ehrenkodex unterschreiben. Wer sich nicht daran hält, muss mit Sanktionen rechnen, bis hin zum Vereinsausschluss. Gleichzeitig wird in den Juniorentrainings nur Deutsch gesprochen. «Wir wollen verstehen, was sich die Spieler gegenseitig zu sagen haben.»

Die Vereine stehen vor einer gewaltigen Herausforderung, denn die Probleme mit den Junioren hindert viele daran, ein Funktionärs-Amt bei einem Klub zu übernehmen, was die Personalprobleme bei etlichen Vereinen noch verschärft. «Ja, es stimmt, auf den Juniorentrainern lastet heute eine sehr grosse soziale Verantwortung. Aber gerade wegen dieser unerfreulichen Begleiterscheinungen mache ich diesen Job und hoffe, damit einen kleinen Beitrag zur Besserung leisten zu können», betont Daniel Bader und weist auch auf die vielen schönen Momente im Vereinsleben hin. «Wir müssen Gegensteuer geben», lässt sich auch Adrian Ammann nicht entmutigen.

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