«Und wer fragt eigentlich mich?»

Neun von zehn Scheidungskindern kommen nicht zu Wort, wenn es um die Neugestaltung des Familienlebens geht. Das soll sich ändern.

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Keystone

Irene Dietschi

Seit bald zehn Jahren haben Kinder in der Schweiz offiziell das Recht, ihre Meinung bei einem Richter zu äussern, wenn sich die Eltern scheiden lassen. Doch dieses Recht besteht für die meisten nur auf dem Papier: «Kinder können bei Veränderungen des Familienlebens aufgrund von Scheidung kaum mitreden», sagt Elsbeth Müller, Geschäftsleiterin von Unicef Schweiz. Und die Psychologin Heidi Simoni, Leiterin des Marie-Meierhofer-Instituts für das Kind (MMI), ergänzt: «Von den jährlich 13 000 neuen Scheidungskindern in der Schweiz wird gerade mal jedes zehnte angehört.»

Die anderen machen keinen Gebrauch von ihrem Recht, weil sie schlecht oder gar nicht über ihre Möglichkeiten informiert sind. Dies hat die Studie «Kinder und Scheidung» gezeigt, die im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms 52 unter der Leitung von Andrea Büchler (Uni Zürich) und Heidi Simoni durchgeführt wurde. Dabei, so die MMI-Leiterin, schreiben sowohl das Schweizer Gesetz als auch die Kinderrechtskonvention der UNO vor, dass sich grundsätzlich jedes Kind äussern können muss, bevor die Erwachsenen über seine Zukunft bestimmen.

Neues Informationsmaterial

Um Richter, Eltern und Kinder mit dem Thema Kindesanhörung vertraut zu machen und die Hemmschwelle zu senken, hat Unicef Schweiz zusammen mit dem Marie-Meierhofer-Institut und dem rechtswissenschaftlichen Institut der Universität Zürich sechs Informationshefte herausgegeben. In vier davon finden Kinder altersgerecht aufbereitete Informationen. Dazu kommen ein Ratgeber für Eltern und ein Leitfaden für die Gerichte mit praktischen Hilfsmitteln wie Checklisten und Briefvorlagen. Die Broschüren können unter www.unicef.ch und www.mmizuerich.ch kostenlos heruntergeladen werden. Gedruckte Exemplare sind gegen eine Gebühr zu bestellen bei info@unicef.ch oder unter Tel. 044 317 22 66.

Die Uno-Kinderrechtskonvention berechtigt unter anderem jedes Kind, seine Meinung zu allen seine Person betreffenden Fragen oder Verfahren zu äussern und gewiss zu sein, dass diese Meinung auch mitberücksichtigt wird. Während Kinder früher eher als «Besitz der Eltern» angesehen wurden, gelten sie heute als eigenständige Persönlichkeiten mit eigenen Rechten. «Es ist ein Paradigmenwechsel, der viele das Kind betreffende Fragestellungen neu definiert, nicht nur bei Scheidung», so die Unicef-Geschäftsführerin.
Auch im schweizerischen Scheidungsrecht ist das Anhörungsrecht des Kindes festgehalten. Explizit steht in Artikel 144, Absatz 2 des Zivilgesetzbuchs: «Die Kinder werden in geeigneter Weise durch das Gericht oder durch eine beauftragte Drittperson persönlich angehört, soweit nicht ihr Alter oder andere wichtige Gründe dagegen sprechen.»

Unicef Schweiz und das MMI setzen sich dafür ein, dass Eltern, Richter, Anwälte und Familienberatungsstellen künftig ein offenes Ohr für Scheidungskinder haben. Aus der psychologischen Forschung und Praxis wisse man, dass es regelmässig zwei Erfahrungen seien, die Kinder und Erwachsene in schwierigen Lebenslagen stärken würden, sagt Heidi Simoni, nämlich: «Erstens die Erfahrung, selber etwas bewirken zu können und den Umständen nicht ausgeliefert zu sein. Und zweitens, ein Gegenüber zu erleben, das sich glaubhaft dafür interessiert, wie es einem geht und was einen beschäftigt.» Das Gesprächsangebot der Richterin oder des Richters schütze das Kind und stärke sein Selbstvertrauen. Es biete ihm Orientierung und helfe ihm, aus der Opferrolle herauszufinden.

Oft beurteilen Eltern, die sich scheiden lassen, die Befindlichkeit der Kinder falsch. Dies ist ein weiteres Ergebnis aus der Studie. «Viele Eltern unterschätzen zum Beispiel, dass der Ortswechsel von Mama zu Papa oder umgekehrt für Kinder sehr anstrengend ist, selbst wenn sich die Wogen der Scheidung geglättet haben», erläutert Heidi Simoni. Auch würden die meisten Kinder die Trennungsabsichten der Eltern erahnen, längst bevor diese sie informierten.
Was ist der Grund, dass so wenige Kinder von ihrem Anhörungsrecht Gebrauch machen? «Oft sagen die Eltern, die Kinder wollten das gar nicht», sagt Elsbeth Müller. «Das mag in einigen Fällen stimmen. Doch die meisten Kinder misstrauen dem Angebot an sich: Sie sind weder über den Ablauf noch über die Konsequenzen eines solchen Gesprächs informiert.» Es sei deshalb sehr wichtig, den Kindern genau zu erklären, worauf sie sich bei der Anhörung einlassen.

Dazu gehört zum Beispiel die Information, dass ein Kind sich frei äussern kann, aber keine Entscheidungsverantwortung übernehmen muss. Diese liegt bei den Eltern. «So schätzt ein Kind das Gesprächsangebot des Richters oder Richterin sehr wohl», betont die Unicef-Geschäftsleiterin.

Manchmal sind es aber auch die Gerichte, die den Sinn und Zweck der Kindsanhörung zu wenig kennen. Ihnen empfehlen die Fachfrauen unter anderem die Situation des Kindes aus seiner Perspektive zu sehen, sich emotional davon berühren zu lassen, ohne dabei die professionelle Distanz zu verlieren. Das fällt vielen Scheidungsrichtern schwer. Der bereitgestellte Gesprächs-Leitfaden (siehe Box) soll sie dabei unterstützen, eine altersgerechte, aber nicht anbiedernde Sprache zum Kind zu finden sowie das Gesprächstempo dem Denktempo des Kindes anzupassen. «Kinder sind die besten Experten ihrer eigenen Entwicklungsmöglichkeiten», kommen die Fachfrauen zum Schluss. Deshalb sei es unabdingbar, «dass Kinder ihre Stimme einbringen und angehört werden.»

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