Samuel Widmer
Umstritten, aber nicht verboten

Der Berliner Drogenarzt war ein Schüler Samuel Widmers. Ein weiteres Indiz für die unseriösen Methoden des Nennigkofer «Gurus», finden Kritiker. Doch für den Kanton besteht kein Handlungsbedarf.

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Samuel Widmer

Samuel Widmer

Solothurner Zeitung

Patrick Furrer

«Damit wir etwas gegen Herrn Widmer unternehmen könnten, müssten entsprechende Klagen gegen ihn vorliegen», sagt Heinrich Schwarz, Chef Gesundheitsamt des Kantons Solothurn. Bis heute hätten sich aber weder Patienten beschwert, noch sei man im Zusammenhang mit dem Berliner Therapieskandal über «Unregelmässigkeiten von Herrn Widmer» informiert worden. Dass der Berliner Therapeut Garik R. seinen Patienten Drogencocktails verabreicht hat und sich dabei vor 15 Jahren beim Nennigkofer Arzt Widmer ausbilden liess, sorgt in Psychiaterkreisen dennoch für rote Köpfe. Hinter vorgehaltener Hand wird einmal mehr die Frage laut, warum der so genannte «Guru» überhaupt noch als Therapeut arbeiten darf und wieso ihm nicht längst die Praxisbewilligung entzogen worden ist.

Update

Seit Jahren sorgt er immer wieder für Schlagezeilen: Samuel Widmer, Arzt, Psychiater, Psychotherapeut und Buchautor mit Wohnsitz in Nennigkofen und Praxis in Lüsslingen. Die Psycholyse, bei welcher der Therapeut den Patienten psychoaktive Substanzen abgibt, um psychische Blockaden zu lösen, ist dabei nur eines seiner Steckenpferde. Innerhalb seiner «Kirschblütengemeinschaft» führt er Tantra-Kurse durch, wo gruppenweise «neue Formen der Sexualität» gepflegt werden. Widmer lebt offen mit zwei Frauen zusammen, wobei er mit beiden Kinder hat. Für Unverständnis sorgte ferner das Buch «Von der unerlösten Liebe zwischen Vater und Tochter - vom Inzesttabu und seinen Folgen». (szr)

Fachärzte distanzieren sich

Widmer wird vom Kanton regelmässig mit angemeldeten und unangemeldeten Besuchen kontrolliert. Recherchen zufolge dürfte kein anderer Therapeut so oft inspiziert werden wie der Mann aus Nennigkofen. Doch de facto zu Schulden lassen kommen hat er sich bis heute nichts. Aktuell arbeitet er gemäss eigenen Aussagen lediglich noch mit den legalen Stoffen Ketamin und Ephedrin (siehe Text unten), während in Berlin vermutlich illegale Drogen aus dem Schwarzmarkt verwendet worden sind.

Gleichwohl distanziert sich die Kantonale Psychiatrische Klinik klar. «Das widerspricht den standespolitischen Richtlinien und den Weiterbildungsverordnungen der Fachgesellschaften und Berufsverbänden», erklärt Direktor Heinz Kohler. In der Klinik würden keine bewusstseinserweiternden Substanzen gebraucht, wie sie in psycholytischen Psychotherapien Anwendung finden. Wer das nicht anerkennt, wird nicht weiterbeschäftigt.

Der Solothurner Arzt Hans Kurt, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, bestätigt: «Das Verwenden von psycholytischen Substanzen ist gefährlich.» Auch Ketamin oder Ephedrin hätten in der Psychiatrie keinen Platz. Experimente seien heikel. Letztlich könne so etwas wie in Berlin nämlich auch in der Schweiz passieren.

Seriöse Forschung gefährdet

1993 zog das Bundesamt für Gesundheit nach einem Todesfall sämtliche Bewilligungen für psycholytische Therapien zurück, darunter auch die von Samuel Widmer. Einige Substanzen wie LSD, Meskalin, MDMA (Ecstasy) und Psilocybin sind heute gemäss Betäubungsmittelgesetz verboten, und aktuell darf kein Schweizer Arzt mehr damit therapieren. Allerdings sind zurzeit zwei Ausnahmebewilligungen für die Forschung gültig. Der Solothurner Arzt Peter Gasser und der Biberister Peter Oehen erarbeiten Studien zur LSD- beziehungsweise MDMA-unterstützen Psychotherapie. Für beide ist nicht nur wahrscheinlich, dass die Todesopfer in Berlin Opfer einer Vergiftung geworden sind, sondern auch klar, dass der Vorfall die seriöse Forschung erneut in Verruf bringen wird.

Peter Gassers Studie über «LSD-unterstütze Psychotherapie bei Personen mit Angstsymptomatik» soll bis November 2009 beendet sein, doch die Zeit reicht nicht. Nun sorgt sich der Präsident der Ärztegesellschaft für Psycholytische Therapie, dass sein Antrag auf Bewilligungsverlängerung gefährdet ist.

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