SF-DRS-Nahostkorrespondent Ulrich Tilgner in Bad Zurzach
Ulrich Tilgner: «Einen Lebensmittelpunkt habe ich nicht»

Er ist immer auf Achse. Zwar hat er in Hamburg eine Wohnung und in Teheran auch. Aber rastlos ist er auf der Suche nach Hintergründen. Und das tut der Vollblutjournalist und SF-DRS-Nahostkorrespondent Ulrich Tilgner nicht am Schreibtisch, sondern vor Ort, dort wo es brennt.

Merken
Drucken
Teilen
«Einen Lebensmittelpunkt habe ich nicht»

«Einen Lebensmittelpunkt habe ich nicht»

Rosmarie Mehlin

Ein Schrank von einem Mann verlässt in Baden mit zwei grossen Koffern den Zug von Zürich. Bevor er in jenen nach Bad Zurzach steigt, trinkt er einen Cappuccino, lässt sich dabei ein bisschen in die Karten blicken. Im Flecken wird er auf Einladung der Volkshochschule Zurzach zum Thema «Krisenbogen Bagdad–Kabul, Kriege, Öl und Terror» sprechen. Am Abend zuvor hatte er in Einsiedeln einen Vortrag gehalten. Die Nacht in Bad Zurzach wird kurz. Frühmorgens fliegt er von Zürich nach Hamburg und am Tag darauf nach Dubai. «Ich habe eigentlich keinen Lebensmittelpunkt», erklärt er auf die entsprechende Frage. «Theoretisch wäre das Hamburg, aber in meiner Wohnung dort werde ich dann erst am 10. April wieder übernachten.»

Seit 30 Jahren im Orient

Nach dem Studium wurde Ulrich Tilgner 1976 Mitarbeiter des Süddeutschen Rundfunks. Drei Jahre später wechselte er zur Nachrichtenagentur DPA. Seit 1980 berichtet er als Korrespondent sowohl für DPA als auch für mehrere Zeitungen, ARD, ZDF und das Schweizer Fernsehen aus dem Nahen und dem Mittleren Osten. Von 1986 bis 2001 hatte Tilgner sein Büro in Amman in Jordanien; 2002 übernahm er die Leitung des ZDF-Büros in Teheran. Seit 2008 berichtet er hauptsächlich für das Schweizer Fernsehen. (MZ)

«Angst ist kontrollierbar»

In einem Dorf zwischen Bremen und Hamburg geboren, hatte Ulrich Tilgner Kultur- und politische Wissenschaften sowie Wirtschaftsgeschichte studiert, war 1976 in den Journalismus eingestiegen und hatte 1980 als Korrespondent für Fernsehstationen und Printmedien aus dem Nahen Osten zu berichten begonnen. Berichte über Kriegsgeschehen waren zu seinem Alltag geworden und Tilgner war stets ganz nahe dran. Angst? «Angst ist ein Gefühl, das man kontrollieren muss, sonst geht gar nichts. Man kann das lernen. Ein Bergsteiger beispielsweise, der ständig denkt, dass er herunterfallen könnte, muss gar nicht erst rauf.»

Und überhaupt – der wuchtige Mann mit den hellwach leuchtenden blauen Augen verwahrt sich engagiert dagegen, als Kriegsberichterstatter bezeichnet zu werden. «Dieser Teil meiner Arbeit ist nur ein kleiner, entstanden durch die Katastrophen der Politik, die einen permanenten Kriegszustand zur Folge hatten. Was mich an einem Land interessiert, ist die soziale, kulturelle und politische Situation dahinter, sprich also auch die politischen Defizite.» Er halte nichts von so genannten Kriegsreportern, so Tilgner mit einem Hauch von Zorn in der Stimme, «weil sie nicht erkennen, was einem Konflikt zugrunde liegt, sondern nur das Grauen, die Sensation zeigen. Für mich ist das pervertierter Journalismus.» Fundamentalismus, fährt der sympathische «Brocken» wortgewaltig fort, gebe es in jeder Religionsgruppe, Terrorismus und Selbstmordattentäter seit langem etwa auch in Japan und Sri Lanka. «Weltweit die grösste Zahl an Terroristenopfern verzeichnet der Irak.»

Weitestmögliche Annäherung

Als Tilgner vor Jahren fürs deutsche Fernsehen hätte nach El Salvador gehen müssen, winkte er ab: «Ich bin nicht der Typ, der mal von hier, mal von dort berichten will. Mich interessieren die Hintergründe eines Landes, ich will mich ihm so weit wie irgend möglich vor allem auch kulturell annähern.» Früher, da habe er über die Teppichknüpfer und die Basare in Iran berichtet. «Heute muss die Welt wissen, dass 27 Millionen der 70 Millionen Iraner Zugang zum Internet haben und dass in diesem Land vor der letzten Wahl täglich 100 Millionen SMS verschickt worden sind.»

Tilgners erste Ehe wurde geschieden. «Bei dem Beruf ist es wie beispielsweise bei einem Fernfahrer, da bleibt das Familienleben auf der Strecke.» Sein Sohn studiert Wirtschaftsgeschichte, die Tochter Biologie und Tilgner ist in zweiter Ehe verheiratet – mit einer Journalistin. «Sie besitzt eine kleine Wohnung am Lago Maggiore zwischen Brissago und Canobbio. So oft wie irgend möglich erhole ich mich dort.» Zeit für Hobbys bleibt nicht, «zum Ausgleich bin ich gerne zu Fuss unterwegs».