Allergien

Überreaktion des Körpers kann tödlich sein

Gedenken: Auf dem Friedhof Kirchberg in Küttigen wurde für die 16-jährige Lucia ein Baum dekoriert. (to)

Baum für Lucia in Küttigen

Gedenken: Auf dem Friedhof Kirchberg in Küttigen wurde für die 16-jährige Lucia ein Baum dekoriert. (to)

Der tragische Fall der 16-jährigen Lucia aus Biberstein zeigt die heimtückische Gefahr von Allergien auf. Den Eltern und dem Hausarzt war bekannt, dass Lucia auf Erdnüsse allergisch reagiert. Trotzdem ist die junge Frau in England daran gestorben. Das Unglück macht betroffen und wirft die Frage auf, ob Allergiker sich der grossen Gefahren ihrer Überempfindlichkeit bewusst sind.

Toni Widmer

«Wir fragen uns immer wieder, ob wir etwas falsch gemacht haben. Ob der Tod von Lucia hätte verhindert werden können, wenn wir ihrer Allergie mehr Beachtung geschenkt oder dann, als es in London passiert ist, anders reagiert hätten», grübeln die Eltern von Lucia Schlienger. Die 16-jährige Bibersteinerin ist am 18. Juni in England gestorben, weil sie Erdnüsse, statt vermeintlicher gebrannter Mandeln, gegessen hatte.

«Die Eltern müssen sich bestimmt keine Vorwürfe machen», sagt Lucias Hausarzt, der Küttiger Allgemeinmediziner Beat Haldemann. Den Tod von Lucia führt er auf eine unglückliche Verkettung verschiedener Umstände zurück. So fragt er sich, weshalb in England Erdnüsse verkauft werden, die nicht als solche deklariert sind, und ob ein sofortiger Luftröhrenschnitt das Drama hätte verhindern können.

Symptome nicht alarmierend

Grundsätzlich, sagt Haldemann weiter, sei jedem Arzt bekannt, dass bestimmte Allergien bei der Kumulation verschiedener Faktoren sehr gefährlich sein und sogar zum Tod führen könnten. Das gelte insbesondere für allergische Reaktionen auf Bienen- oder Wespenstiche. Auch die Erdnussallergie gehöre zu den Überempfindlichkeiten mit hohem Gefahrenpotenzial. «Bei Lucia habe ich 2004 festgestellt, dass sie auf Erdnüsse allergisch reagiert. Aufgrund ihrer bis dahin gezeigten, relativ schwachen Reaktionen bestand jedoch kein Grund zur Besorgnis.» Man habe vereinbart, dass der Verlauf gut beobachtet und dann wenn nötig gehandelt werde, erklärt der Arzt. Lucia sei seither mehrmals bei ihm in der Praxis gewesen. Davon, dass ihre allergischen Reaktionen schlimmer geworden wären, sei jedoch nie die Rede gewesen.

Das bestätigen auch die Eltern Ruth und Markus Schlienger. «Mir war bewusst, dass eine Erdnussallergie gefährlich werden kann. Vor allem, weil Lucia auch unter Asthma und Heuschnupfen gelitten hat», sagt Ruth Schlienger. Sie habe mit ihrer Tochter über die allfälligen Gefahren gesprochen. Lucia habe auch zwei- bis dreimal Produkte gegessen, von denen sie nicht gewusst habe, dass sie mit Erdnusszusätzen hergestellt worden seien: «Die Reaktionen waren nie alarmierend. Höchstenfalls ein Chrüseln im Hals und eine leicht geschwollene Zunge. Einmal musste sie auch erbrechen. Doch jedes Mal waren die Symptome schnell vorbei und deshalb haben wir der Allergie wohl nicht jene Beachtung geschenkt, die wir ihr hätten schenken sollen.»

Dennoch: Lucia habe stets streng darauf geachtet, was sie esse, sagt die Mutter: «Auf dem Flug nach England beispielsweise gab es ein Sandwich. Aus der Deklaration war ersichtlich, dass dieses Spuren von Erdnüssen enthalten könnte. Lucia hat es deshalb nicht gegessen.»

Ignorieren ist gefährlich

Es gibt Allergien, die lediglich Juckreiz oder Ausschläge verursachen, und solche, die sich auf die Atmungsorgane auswirken. Dazu gehört - neben der Allergie auf Wespen- und Bienenstiche - insbesondere die Erdnussallergie. «Allergien sollten immer durch den Hausarzt oder einen Spezialisten seriös abgeklärt werden. Absolut unerlässlich und dringend ist eine Konsultation beim Arzt jedoch, wenn durch allergische Reaktionen das Atmen oder Schlucken beeinträchtigt wird», sagt Beat Haldemann. Wenn sich eine Allergie als bedrohlich herausstelle, gebe es wirksame Mittel, um der Gefahr vorzubeugen: «Epipen-Spritzen kann man sich im Notfall als Gegenmittel selber applizieren und weiter sollten starke Allergiker als Notfallpaket auch immer ein Cortison-Präparat sowie ein Antihistaminikum auf sich tragen.»

Als die wichtigste Regel erachtet der Küttiger Allgemeinmediziner jedoch, dass allergische Symptome in jedem Fall ernst genommen werden. Und zwar von den Betroffenen ebenso wie von ihrem Umfeld: «Es liegt in der Natur vieler Menschen, dass sie körperliche Symptome vernachlässigen, sobald diese nicht mehr auftreten oder kaum mehr stören. Sie wollen nicht als wehleidig gelten oder unnötig den Arzt behelligen. Das ist bei Allergikern besonders gefährlich.» Sie, sagt Beat Haldemann, sollten den Arzt lieber einmal zu viel als einmal zu wenig konsultieren.

Lebensmittel deklarieren

Als ebenso wichtig erachten Arzt Beat Haldemann wie auch die Eltern Ruth und Markus Schlienger die saubere Deklaration von Lebensmitteln: «Wie wir mittlerweile wissen, essen die Engländer traditionell nicht gebrannte Mandeln, sondern gebrannte Erdnüsse», sagt der Vater. Die beiden Produkte sähen sich jedoch zum Verwechseln ähnlich. Wäre die englische Erdnuss-Tradition am Stand auf der Tower-Bridge in London auch für Touristen ersichtlich gewesen, hätte Lucia ganz bestimmt auf den Genuss der vermeintlichen gebrannten Mandeln verzichtet und würde heute noch leben.

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