Tierschutz
Trotz Walfangverbot in der Antarktis: In Europa werden die Tiere noch immer getötet

Der Internationale Gerichtshof verbietet Japan, in der Antarktis Wale zu jagen. Doch dieses Urteil trifft die Europäer nur bedingt: Norwegen oder Island jagen munter weiter. In diesem Monat beginnt die Walfangsaison.

Hans Peter Roth*
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Japan darf im Südpolarmeer keine Wale mehr jagen. Dies hat der Internationale Gerichtshof (IGH) am Montag entschieden; das gut 70-seitige Urteil ist rechtlich bindend. Für Tierschützer wie Sigrid Lüber hat der UN-Gerichtshof in Den Haag «Geschichte geschrieben».

Die Präsidentin von OceanCare, der Schweizerischen Organisation zum Schutz der Meeressäuger, sagt erfreut: «Der wissenschaftliche Deckmantel wird nicht länger anerkannt.» Fachleute hatten die Chancen für ein Urteil zugunsten des Walschutzes zuvor auf etwa 50 zu 50 eingeschätzt. Nun stimmten 12 der 16 IGH-Richter gegen Japans sogenannt wissenschaftlichen Walfang in der Antarktis.

Jagdsaison beginnt diesen Monat

Doch bei aller Freude über das UNO-Urteil bleibt Lüber nüchtern. «Für uns bleibt sehr viel zu tun: Denn auch in Europa werden Wale und Delfine auf brutale Weise getötet – in Island, Norwegen, Grönland und auf den Färöerinseln. Im Nordatlantik beginnt gerade diesen Monat die neue Jagdsaison.» Auch Japan werden die Tierschützer im Auge behalten.

Denn das Land der aufgehenden Sonne hat bisher nicht nur Wale im Südpolarmeer gejagt, sondern auch vor der eigenen Haustür, im Nordpazifik und im Japanischen Meer. Japan deklariert auch das Walfang-Programm im Nordpazifik, «JARPN II», als «wissenschaftlichen Walfang». Im Rahmen dieser eher küstennahen Waljagd im kleineren Stil werden wie im Südpolarmeer Zwergwale, aber auch Entenwale erlegt.

Walschützer erwarten daher mit Spannung, welche Konsequenzen der IGH-Entscheid auf Japans Walfang im Nordpazifik haben könnte. «Auch dieser hat grundsätzlich wirtschaftlichen Charakter, unter dem Deckmantel der Wissenschaft», sagt Sylvia Frey, wissenschaftliche Mitarbeiterin von OceanCare.

Selbst im Südpolarmeer könnte das UNO-Verdikt lediglich ein Etappensieg für die Walschützer sein. Zwar kritisierten die IGH-Richter, dass Tokio nicht begründen könne, warum für die vermeintlichen Forschungszwecke in der Antarktis so viele Wale getötet werden. Nur zwei von unabhängigen Experten begutachtete Fachartikel seit 2005 rechtfertigten nicht den Fang von mehr als 3600 Tieren.

Doch die japanische Regierung könnte ein neues Walfangprogramm für das Südpolarmeer nach Vorgaben des Internationalen Gerichtshofs entwerfen, mutmasst «Spiegel Online»: «Ein wenig kleiner vielleicht, zusätzlich versehen mit nichttödlichen Forschungsansätzen. Doch im Grundsatz eben immer noch gleich.»

Norwegen grösste Walfangnation

Allerdings ist nicht Japan, sondern Norwegen die grösste Walfangnation. Allein in der Walfangsaison 2013 hat Norwegen 590 Zwergwale getötet und zudem seine sich selbst erteilte Walfangquote in den vergangenen Jahren immer wieder angehoben.

Hinzu kommt Island mit insgesamt 134 erlegten Finnwalen und 35 Zwergwalen. «Anders als Japan jagen Norwegen und auch Island Wale offen deklariert zu kommerziellen Zwecken», erklärt Sylvia Frey. «Sie tun dies völlig legal im Rahmen des Walfangabkommens, denn Norwegen hat rechtzeitig das Veto gegen das Walfangmoratorium von 1986 eingelegt.»

Island sei aus der Internationalen Walfangkommission ausgetreten und 2002 nach 13 Jahren wieder eingetreten unter Vorbehalt des Moratoriums. Und: «Anders als Japan fangen Norwegen und Island Wale in Gebieten, die nicht als Schutzgebiet ausgezeichnet sind.»

Nicht nur Jagd bedroht Walbestände

Für Walschützer kein Grund, sich zurückzulehnen. Eine humane Tötung der grossen Meeressäuger sei unmöglich, halten sie fest. «Dazu kommt, dass viele Walbestände durch die grosse Walfangära im 20. Jahrhundert um über 80 Prozent dezimiert wurden und sich bis heute nicht erholt haben», sagt Sigrid Lüber. Wale seien selbst ohne Jagd grossen Gefahren wie Unterwasserlärm, Verschmutzung, Schiffskollisionen, Klimawandel und Fischerei ausgesetzt.

Als weitere Herausforderung bezeichnet OceanCare die in Japan legale Delfinjagd. Im südjapanischen Fischerdorf Taiji werden bis heute jedes Jahr Hunderte Delfine getötet. «Nicht ohne zuvor die schönsten Exemplare lebend für den lukrativen Delfinarien-Handel zu entnehmen», sagt Sigrid Lüber. Dadurch steht auch der Weltzooverband mit Sitz in der Schweiz in der Kritik. Denn das in den Delfinhandel von Taiji involvierte Delfinarium ist indirekt Mitglied des Weltzooverbands, obschon die dortige grausame Delfinjagd in krasser Weise gegen den Ethik-Kodex des Weltzooverbands verstösst.

Auf Vermittlung von OceanCare hat sich vor wenigen Tagen der Direktor des Weltverbands, Gerald Dick, in Gland VD bereit erklärt, in den nächsten sechs Monaten ein Treffen einzuberufen mit Vertretern des Weltverbands, des japanischen Zooverbands und japanischer Tierschutzorganisationen. «So lassen sich zielorientiert Lösungen der Probleme von Taiji diskutieren», erklärt Gerald Dick. Das angekündigte Treffen erfüllt Tierschützer mit Hoffnung: «Dies könnte ein wichtiger Schritt zur Beendigung der grausamen Delfinjagd in Japan sein», sagt Sigrid Lüber.

* Hans Peter Roth ist Geograf und freier Journalist. Zu seinen Spezialgebieten gehören die Themen Umwelt, Tierschutz und Meeresbiologie. Hans Peter Roth steht in engem Kontakt mit OceanCare, der Schweizer Organisation zum Schutz der Meeressäuger.