Kaiserstuhl

Trotz Lärmquellen ist das Leben angenehm ruhig in Kaiserstuhl

Wahrzeichen: Der 36 Meter hohe Obere Turm stammt aus dem 13. Jahrhundert. (bild: Emanuel Freudiger)

Kaiserstuhl

Wahrzeichen: Der 36 Meter hohe Obere Turm stammt aus dem 13. Jahrhundert. (bild: Emanuel Freudiger)

Kaiserstuhl eine Schlafstadt? Nein, auch wenn das Leben in den mittelalterlichen Gemäuern über weite Strecken sein mag wie der Rhein: gemächlich.

Michael Hunziker

Bezirksschule geschlossen, Raiffeisenbank geschlossen, Volg-Laden geschlossen. Trotzdem: Still ist Kaiserstuhl nicht. Mit geschlossenen Augen wähnt sich der Besucher in einer Grossstadt. Omnipräsent sind die Lärmquellen: Flugzeuge dröhnen beim Anflug auf Kloten, Baumaschinen dröhnen beim Verlegen der Rohre für den Wärmeverbund (Text unten). Gleich an mehreren Häusern werden die Fassaden ausgebessert und gestrichen. Dass die Arbeiten gleichzeitig ausgeführt werden, sei Zufall, heisst es bei der Gemeindeverwaltung. Die Verwaltung übrigens wird wegziehen und ab nächstem Jahr im umgebauten Gemeindehaus in Rekingen zu finden sein.

Lärm hin oder her: Im Städtchen am Rhein lässt sich mit Stil leben. Im rosaroten eingequetschten Altstadthaus mit dem dunkelblauen Balkongeländer gewiss genauso wie im herrschaftlichen Haus zur Linde am Ortseingang, einst als Gasthaus erbaut, oder im mächtigen Marschallhaus an der Rheingasse, wo Palmen im Innenhof stehen. Palmen wachsen auffallend viele in Kaiserstuhl. Quitten sind gegenüber der katholischen Kirche zu sehen. Im alten Spittel gleich daneben, beim Brunnen des Kaiserstuhler Komponisten Hermann Suter, ist eine Pflegewohngruppe untergebracht.

Gutes Pflaster für Kreative
An der Rheinpromenade ist der Blick frei auf das Wasser, auf die Brücke mit der Skulptur des heiligen Nepomuk in der Mitte sowie auf das Schloss Rötteln auf deutscher Seite. Am Steg fest vertäut sind die MS «Kaiserstuhl» und die MS «Gottfried Keller», mit denen die Rheinschifffahrt Kaiserstuhl Rundfahrten anbietet. Just bei ihrem 10-Jahr-Jubiläum wird die Firma auf eine harte Probe gestellt: Wegen eines Defekts beim Kraftwerk Eglisau können für Wochen keine Schleusenfahrten durchgeführt werden.

Apropos Gottfried Keller: Kaiserstuhl habe ihn inspiriert zur Novelle «Hadlaub» und Stoff geliefert für «Die Leute von Seldwyla» ist in einem Faltprospekt festgehalten. Das mittelalterliche Städtchen scheint ein gutes Pflaster zu sein für Kreative, für Maler, Bildhauer, Musiker und Dichter. Das renommierte Laxdals Theater im Amtshaus wird seit dem Tod von Gründer Jón Laxdal 2005 von Tochter Katerina Laxdal und Vaclav Jaros geführt. Bereichert wird das kulturelle Leben auch von Geigerin Daria Zappa und ihrem Mann Massimiliano Matesic, die für die künstlerische Leitung des Festivals der Stille zuständig sind.

Weniger einflussreich, aber stolz
Mit rund 400 Einwohnern und einer Fläche von etwa 32 Hektaren darf sich Kaiserstuhl als die kleinste Stadt im Aargau bezeichnen. Ein Kleinod mit einer über 750-jährigen Geschichte und dem 36 Meter hohen Oberen Turm aus dem 13. Jahrhundert als Wahrzeichen. Gut, früher als Zentrum der konstanzischen Landesverwaltung mit Gebieten auf beiden Seiten des Rheins war der Einfluss grösser als heute. Von den Stadtmauern sind nur noch ein paar Reste übrig.

Stolz ist das Städtchen aber nach wie vor. Die Bewohner sprechen von einer hohen Lebensqualität. Das Stadtlädeli wird von Mena Stuppan auf privater Basis geführt, der Dessousladen von Alma Wenzinger brachte es mit dem Film «Die Herbstzeitlosen» gar zu nationaler Berühmtheit. Jeannette Da Silva, eine Zürcherin, hat es mit Familie in den Aargau verschlagen. Vor allem an den Wochenenden, wenn Velofahrer und Wanderer unterwegs sind, floriert ihr Geschäft. Für sie als Hausfrau und Mutter sei der Kiosk eine willkommene Abwechslung, sagt Jeannette Da Silva. Sie schätzt das Ländliche an Kaiserstuhl.

Die Fischbeiz Alte Post mit de Terrasse zum Rhein ist eine weitherum bekannte Adresse. Im Hotel-Restaurant zum Kreuz oben bei der Kantonsstrasse kommt Währschaftes auf den Tisch, das Tagesmenü mit Bratwurst und Bratkartoffeln schmeckt dem Manager und dem Bauarbeiter. Dröhnende Baumaschinen sind keine zu hören über die Mittagszeit.

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