Tödlicher Velounfall: Hat die Stadt geschlampt
Tödlicher Velounfall: Hat die Stadt geschlampt?

Einem Aarauer Stadtpolizisten und einem Bauamtsmitarbeiter wird fahrlässige Tötung vorgeworfen. Sie sollen eine Strassenbaustelle zu wenig gut abgesperrt haben, was einem Velofahrer zum Verhängnis wurde. Heute müssen sie sich vor Gericht verantworten.

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Thomas Röthlin

Es passierte vor vier Jahren: Ein 73-jähriger Velofahrer geriet Anfang September 2006 am Rand einer Aarauer Quartierstrasse in eine Baugrube. Sie war mit 6Zentimetern zwar nicht tief, aber mit lockerem Sand gefüllt. Die Bremswirkung war so stark, dass der Mann kopfvoran auf den Teerbelag stürzte. Trotz Velohelm zog er sich einen Genickbruch zu und starb 19 Tage später in Nottwil.

Fünf mit der Baustelle betraute Männer stehen deswegen heute Mittwochmorgen vor Bezirksgericht Aarau. Ihnen allen wirft die Staatsanwaltschaft fahrlässige Tötung vor und fordert bedingte Geldstrafen plus Bussen.

Bauleiter bestreitet Anweisung

Der Hauptvorwurf ist in allen Fällen derselbe: Die Grube sei zum Unfallzeitpunkt «absolut ungenügend» signalisiert gewesen. Eine Norm schreibt bei solchen Baustellen waagrecht angebrachte, rot-weisse Latten vor. In Aarau stand lediglich am äusseren Rand der Grube ein mobiles rotweisses Warnschild, eine so genannte Leitbake. Der Velofahrer musste sich laut Staatsanwaltschaft «nicht dazu verpflichtet fühlen, links um diese herumzufahren».

Drei Angeklagte behaupten übereinstimmend, der Oberbauleiter habe drei Wochen vor dem Unfall den Polier angewiesen, die Signalisation zu reduzieren, sobald die Grube mit dem sandigen Material gefüllt sein würde. Der Mann, Mitarbeiter des Stadtbauamts, bestreitet dies. Zudem habe er die Angelegenheit der Stadtpolizei überlassen und die Signalisationen gar nicht näher gekannt.

Der zuständige Polizist hatte zwar bereits im Juli beschlossen, eine Bake mit Vorsignalisation «Achtung Baustelle» genüge. Im August war er allerdings in den Ferien und kontrollierte die Baustelle auch später nicht, als die Vorsignalisation weg war.

Hecken statt Betonquader

Auf die Aufsichtspflicht der Stadtpolizei verweist auch der Bauleiter des zuständigen Ingenieurbüros. Er ist gemäss Anklageschrift genauso mitverantwortlich wie der Polier und der Bauführer der Baufirma. «Wäre die Baustelle gesetzeskonform signalisiert gewesen», so die Staatsanwaltschaft, wäre der Unfalltod «mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit vermeidbar gewesen».

Die Baugrube war zur Bepflanzung vorbereitet. Die kleine Hecke dient heute der Verkehrsberuhigung. Ironie des Schicksals: Die Begrünung ersetzte Betonquader-Hindernisse, die nicht bewilligt waren und zu mehreren Velounfällen geführt hatten.