Tod im Lehrschwimmbecken
Tod im Lehrschwimmbecken: Lehrerin freigesprochen

Das Bezirksgericht Brugg hat eine Lehrerin vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung freigesprochen. Sie hatte eine Schwimmstunde geleitet, bei der im Sommer 2007 in Brugg ein 7 Jahre alter Bub im Lehrschwimmbecken einer Schulanlage ertrunken war.

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Schwimmbad

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Aargauer Zeitung

Louis Probst

«Ich habe auf das Wasser geblickt und verfolgt, was die Kinder machten», erklärte die Angeklagte in der Befragung durch Gerichtspräsident Hans-Rudolf Rohr. «Ich hatte den Kindern, bevor sie ins Lehrschwimmbecken stiegen, Anweisungen gegeben. Der Bub hat allein im Wasser gestanden. Es verging nur ein sehr kurzer Moment. Plötzlich sah ich ihn mit dem Gesicht nach unten auf dem Wasser treiben.»
Gemäss den Erkenntnissen der Untersuchungsbehörden war die Lehrerin dann sofort ins Wasser gesprungen und hatte das Kind herausgeholt. Der Bub wurde nach ersten Reanimationsversuchen durch die Rega in die Universitäts-Kinderklinik Zürich gebracht. Dort musste leider der Hirntod desKindes festgestellt werden.
Die Staatsanwaltschaft warf der Lehrerin vor, durch mangelnde Überwachung und Instruktion der Kinder ihre Aufsichtspflicht vernachlässigt und damit den Ertrinkungstod des Buben verantwortet zu haben. Insbesondere hätte sie einen Standort wählen müssen, von dem aus sie andauernd die uneingeschränkte Übersicht über alle Kinder gehabt hätte. Auch sei die Instruktion der Angeklagten, wonach sich die Kinder nur in jenem Teil des Beckens aufhalten durften, in dem sie stehen konnten, ungenügend gewesen.

Staatsanwalt: «Fahrlässige Tötung»

Die Staatsanwaltschaft beantragte, die Angeklagte wegen fahrlässiger Tötung zu einer bedingten Geldstrafe von 180 Tagessätzen zu je 130 Franken, entsprechend einem Gesamtbetrag von 23 400 Franken, zu verurteilen.
Vor dem Bezirksgericht erklärte die 32 Jahre alte Angeklagte - die unter dem tragischen Vorfall sichtlich leidet, sich immer noch in ärztlicher Behandlung befindet, inzwischen aber wieder unterrichtet, allerdings keinen Schwimmunterricht mehr erteilt: «Bei der Unterrichtsstunde ging es darum, die Kinder an das Wasser zu gewöhnen. Die Kinder haben sich im Becken dort aufgehalten, wo sie problemlos stehen konnten. Ich hatte die Kinder auch alle im Blickwinkel.» Zu ihrer Reaktion nach der Bergung des Kindes aus dem Bassin sagte sie: «Ich habe gemacht, was ich konnte. Das erste war, die Atemwege des Buben von Erbrochenem frei zu machen.»
Der Vertreter der Zivilpartei, der Eltern des Kindes - der gegen den Antrag der Verteidigung auf Beschluss des Gerichtes zur Verhandlung zugelassen wurde - beantragte die Verurteilung der Lehrerin im Sinne der Anklage. Er machte zudem eine Genugtuungssumme von 120 000 Franken geltend, und er forderte eine gerichtliche Feststellung, wonach die Angeklagte für Schaden hafte.

«Staat mit auf der Anklagebank»

Der Verteidiger beantragte vollumfänglichen Freispruch seiner Mandantin und Nichteintreten auf die Zivilforderung. «Die Angeklagte hat nichts anderes getan als ihrer Pflicht nachzukommen», betonte er. «Sie hat 12 Kindern Schwimmunterricht erteilt. Sie musste gleichzeitig alle Kinder betreuen. Die zwingende Konsequenz daraus ist, dass keine permanente Überwachung möglich gewesen ist. Der Staat hat das in Kauf genommen. Die Gefahr ist nicht durch die Angeklagte geschaffen worden, sondern durch den Staat. Meine Mandantin hat alle Vorgaben des Kantons eingehalten. Sie hat keine anerkannten Regeln verletzt. Sie hat die Kinder beobachtet. Sie hat schnell und adäquat gehandelt. Daher ist sie vollumfänglich freizusprechen.»
Die Bezirksgericht schloss sich mehrheitlich dieser Meinung an.

Es sprach die Angeklagte von Schuld und Strafe frei. Auf die Zivilforderung trat das Gericht nicht ein. Wie der Vorsitzende bei der mündlichen Begründung des Urteils erklärte, gelangte die Mehrheit des Gerichtes zur Überzeugung, dass entgegen der Ansicht der Staatsanwaltschaft eine lückenlose, permanente Überwachung der Kinder durch eine einzige Person nicht möglich sei. Auch sei der Grund für den Ertrinkungstod des Kindes, der nach wenigen Sekunden eingetreten sei, letztlich unklar geblieben.