«Tibeter» bleibt verschwunden

Am vergangenen Mittwoch versank das Motorboot von zwei Feriengästen aus dem Kanton Zürich in den Fluten des Bielersees. Gestern barg die Seepolizei das Boot, der vermisste Hund des geretteten Paares war nicht an Bord.

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Capraia_dsc.jpg

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Solothurner Zeitung

Bruno Utz

Mittwoch, 8. Juli. Ein Sturm peitscht die sonst meist spiegelglatte Oberfläche des Bielersees. Wellen türmen sich. Ein im Kanton Zürich eingelöstes Motorboot mit dem Namen einer toskanischen Insel, Capraia, stampft von Biel herkommend der St. Petersinsel entgegen. Es ist kurz vor 14.40 Uhr, auf der Höhe von Tüscherz. Wasser schwappt auf das offene Vorderdeck, einmal, zweimal. Das Boot «steckt ein», beginnt zu sinken. Das Ehepaar, er 68-jährig, sie 62, springt über Bord; beide klammern sich an einem so genannten Fender fest. Ein Tüscherzer beobachtet das Unglück von seiner Wohnung aus und informiert die Seepolizei. Als zwei Seepolizisten wenige Minuten später vor Ort eintreffen, ist das Boot gesunken. Die Besatzung kann das in Seenot geratene Ehepaar retten, nicht aber deren Hund, ein Tibet-Terrier.

Strafanzeigen statt Ordnungsbussen

«Was unsere Kollegen an Land tun, das erledigen wir auf dem See», erklärt Fritz Brünisholz die Haupttätigkeit der jeweils vom 1. April bis 30. Oktober auch mit Überwachungsaufgaben beschäftigten Bielerseepolizisten. Die meisten festgestellten Vergehen beträfen das Nichteinhalten der Geschwindigkeit bei Uferzonen, das Eindringen in Fahrverbotszonen, insbesondere bei der St. Petersinsel, und das Nichtmitführen von Rettungsmaterial. «Schwimmwesten müssen nicht getragen werden, aber an Bord vorhanden sein», erklärt Brünisholz. Ab und zu müssten auch zu nahe am Schilf fahrende Bootsführer verzeigt werden oder solche, die ohne Begleitung Wasserski fahren. Ordnungsbussen gebe es auf dem See nicht. «Wir müssen Verstösse zur Anzeige bringen. Das verursacht zusätzlich zur Busse noch Kosten.» Es seien immer etwa die gleichen Vergehen, das habe sich nicht geändert in den letzten Jahren. Erwischt würden sowohl Leute, die seit 20, 30 Jahren den Führerausweis besitzen, wie auch Neulinge. «Letztere sollten eigentlich noch wissen, welche Regeln auf dem See gelten.» (uz)

Aus der Kabine gespült

Twann, Montag, 13. Juli, kurz vor 12 Uhr. Fritz Brünisholz, Chef der Seepolizei, informiert, dass der Hund nicht im soeben aus einer Tiefe von 33 Metern geborgenen Boot gefunden wurde. «Die vordere Schiebetüre zur Kabine war offen. Der «Tibeter» muss beim Absinken aus dem Boot gespült worden sein.» Kollegen hätten bereits am Unglückstag das Ufer abgesucht. «Wenn der Hund nicht hundert Schutzengel hatte und sich schwimmend retten konnte, dann ist er ertrunken.»

«Noch gar nie erlebt»

Die mehrstündige Bergung des 6,5 Meter langen Bootes ist selbst für den mit 26 Dienstjahren erfahrenen Seebären Brünisholz ein Novum. «Dass ein Boot mitten auf dem See sinkt, ist selten. In dieser Art habe ich eine Bergung noch gar nie erlebt», sagt Brünisholz. Das erste Mal war er am Samstag mit vier Tauchern vom Rettungsdienst Bielersee unten. «Nach zehn Minuten fanden wir das Schiff», so Brünisholz. Am Sonntag sei er wieder getaucht und habe zusammen mit zwei Kollegen der Seerettung die Bergung vorbereitet. Nun rücken die Seepolizei und ein Kranschiff an. Brünisholz und ein weiterer Polizeitaucher montieren die Spangurten. Was danach folgt, das ist für den Besitzer des Kranschiffes Routine. In mehreren Etappen hebt er das Boot nach und nach an die Wasseroberfläche zurück. Als dieses leergepumpt ist, setzt sich der Konvoi in Richtung Kleintwanner-Hafen in Bewegung.

Boot intakt, keine Anzeige

«Das Boot ist intakt. Nach einer Grossreinigung ist es wieder seetüchtig.» Der schon etwas ältere Motor jedoch sei «futsch». Brünisholz rechnet mit Bergungskosten von etwa 3000 Franken. «Das Boot musste rauf, sonst hätten wir eine Gewässerverschmutzung riskiert. Im Tank hat es Benzin und im Motor Öl.»

Obwohl das Ehepaar keine Schwimmwesten getragen hat, müsse dieses nicht mit einer Anzeige rechnen. Brünisholz: «Das Boot sank, weil unglückliche Umstände zusammentrafen.» Habe der Untersuchungsrichter das Gefühl, es liege ein Straftatbestand vor, könne dieser immer noch ein Verfahren eröffnen.

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