Daniel Kestenholz, Bangkok

Mehrere hundert rote Aufrührer trotzten gestern weiter der Armee und sorgten im Herzen Bangkoks den fünften Tag in Folge für Terror und Gewalt. In der Nacht auf Montag wurde das Traditionshotel Dusit Thani von roten Paramilitärs mit Panzerabwehrgeschossen attackiert. Gäste und Personal rannten in Panik aus dem ältesten Luxushotel Bangkoks.

Die belagernden «Roten» trotzen der Regierung weiter. Gestern um 15 Uhr lief ein Ultimatum ab, die rote Zone bedingungslos zu räumen. Ein Kleinflugzeug warf Flugblätter mit Warnungen an die verbliebenen mehreren hundert Männer, Frauen und Kinder ab, das Gebiet sofort zu verlassen. Truppen würden nicht zwischen Terroristen und Unschuldigen unterscheiden. Wer bleibe, riskiere zwei Jahre Gefängnis.

Schutz von Unschuldigen hat Priorität

Doch wieder machte die Regierung einen Rückzieher, wie bereits am Vortag, als eine schon kommunizierte Ausgangssperre in letzter Minute gestrichen wurde: Laut Regierungssprecher Panitan Wattanyagorn beginne die Räumungsaktion nicht sogleich. Neben den Roten sässen in Gebiet weitere Anwohner fest. Der Schutz von Unschuldigen habe Priorität.

Doch die Zeit läuft davon. Die Radikalen bringen mit immer dreisteren Aktionen ihren Terror in immer neue Gebiete. Gestern kam es einen Kilometer vom Belagerungsring entfernt beim Spital Phayathai1 zu Explosionen und einem Feuergefecht. Auf der Strasse RamaIV weiter im Süden, sonst eine überlastete Durchgangsachse, blockierte ein entführter Tanklaster einen Vorstoss von Truppen. Rote jagten ihn in die Luft, gewaltige Feuerflammen stiegen über Zentralbangkok auf. RamaIV ist nun ebenfalls Kriegszone.

In den Quartieren regiert Anarchie, während neue Gesprächsversuche scheitern. Nattawut Saikua, Sprecher der Roten, offerierte laut Quellen der «New York Times», im Austausch für Friedensverhandlungen seine «militanten» Kämpfer von der Strasse zu nehmen. Die Regierung beharrt jedoch auf einem bedingungslosen Abzug, die Führer der Roten müssen sich ergeben. Die Strategie der Regierung scheint zu sein, alle Verhandlungsmöglichkeiten auszuschöpfen und die Roten gleichzeitig zu zermürben. Doch diese zeigten bisher wenig Ermüdungserscheinungen.

Auf der Bühne der Roten wurde gestern Nachmittag getanzt und Karaoke gesungen, während Soldaten in Hörweite ihre Stellungen mit Sandsäcken verstärkten. Die Zahl der Roten sank beträchtlich. Doch die letzten denken nicht ans Aufgeben. «Ich bleibe hier und kämpfe für Demokratie, auch wenn ich sterbe», sagte eine jüngere Frau.

500 Ex-Rothemden sitzen fest

Rund 300 Meter westlich davon, in den verschlungenen Tempelanlagen von Pathum Wanaram, sassen gestern weiter über 500 Ältere, Frauen und Kinder fest. Die meisten waren von den Roten vor Wochen aus nördlichen Provinzen zum Protestgelände transportiert worden. Zurück können sie nicht. Geld haben sie keines und die Roten haben ihre Identitätskarten im Austausch für «Kost und Logis» eingezogen.

Die Regierung hat Busse bereitgestellt. Doch laut Mönchen stehen die Leute unter Druck der «Kameradschaftlichkeit». Wenigstens scheinen sie im Schutz der Mönche und Tempel vorerst in Sicherheit zu sein.

«Roter Kommandant» stirbt

Nach Tagen im Koma verstarb gestern der am Donnerstag durch einen Kopfschuss niedergestreckte militante Führer der Roten, der abtrünnige Generalmajor Khattiya Sawasdipol alias Seh Daeng, «Roter Kommandant». Vor dem gestern Abend in einem Tempel aufgebahrten Toten kam es zu chaotischen Szenen. Die rote Führung ordnete ei-
ne Schweigeminute an, versuchte sich aber deutlich von Seh Daengs Militanz zu distanzieren.

In Bangkok wird gemunkelt, dass ihn die Armee aus Rache für den Tod eines hohen Offiziers und mehrerer Soldaten beim Blutbad am 10. April umgelegt habe. Seh Daeng soll mit der Tat gebrüstet haben.

Doch auch die Roten sind nicht unfroh über seinen Abgang. Seh Daeng war der «Vertrauensgeneral» von Thaksin Shinawatra, dem De-facto-Anführer der Roten. Er besuchte Thaksin gleich mehrmals in dessen Dubaier Exil und sagte jüngst, er sei enttäuscht von der Führung der Rothemden, sich von Thaksin zu distanzieren: «Die meisten Leute sind hier, um für Thaksin zu kämpfen.»

Es wäre aber auch möglich, dass der unbequeme Kriegstreiber von eigenen Kreisen eliminiert wurde, um den vorgeblichen Klassenkampf der Roten nicht als Kampf für die Rückkehr und die Wiedergutmachung von Thaksin zu entlarven. Dem «Wall Street Journal» sagte Seh Daeng vor zehn Tagen, seine «letzte Mission», nämlich den «totalen Bürgerkrieg in Bangkok» zu entfachen, stoppe er erst, wenn ihn Thaksin dazu auffordere.