Suizidbrücken: Brauchts höhere Geländer?

Die Frage, ob man die Hochbrücke gegen Suizidfälle sichern muss, stellt sich von neuem. Am Sonntag hat sich wieder ein Mensch dort das Leben genommen. Ausserdem zählt die Badener Hochbrücke zu den «kritischen» Brücken der Schweiz.

Drucken
Teilen
Brauchts höhere Geländer?

Brauchts höhere Geländer?

Roman Huber

Wer an den Kerzen und Blumen an der Kanalstrasse oder auf der Hochbrücke vorbeigeht, hält unweigerlich inne. Und ist selbst als Unbeteiligter betroffen. Betroffen darum, weil einerseits niemand diesem Menschen bei seinem Problem, in seiner Lebenssituation, vielleicht bei seiner Krankheit hatte helfen können, andererseits, weil der Suizid im öffentlichen Raum geschah.

Hochbrücke ist wieder Thema

Die Hochbrücke war vergangenen Oktober im Badener Einwohnerrat ein Thema. In einer Anfrage wollte Einwohnerrat Erich Obrist (SP) aufgrund eines Suizids im Jahr 2009 vom Stadtrat wissen, ob die Hochbrücke zu den kritischen Brücken mit über 4 Suizidfällen innerhalb von 10 Jahren (genannt: Hotspot) gelte und ob Massnahmen geplant seien. Der Stadtrat verneinte und fügte an, dass ein Suizid durch bauliche Massnahmen kaum zu verhindern sei.

Seit vergangenem Sonntag hat sich die Statistik geändert: Mit 2005 und 2009 (2 Suizide) gilt die Hochbrücke als weiterer Hotspot nebst andern 23 Brücken in der Schweiz. Der Stadtrat habe vom tragischen Tod am Montag Kenntnis genommen, sagt Vizeammann Geri Müller. Bereits im Zusammenhang mit der Anfrage Obrist habe sich der Stadtrat sehr viele Gedanken darüber gemacht. Müller zweifelt jedoch, ob bauliche Massnahmen tatsächlich an der Zahl der Suizide etwas ändern würden; vielmehr würde an andere Orte ausgewichen.

Massnahmen vor Ort nützen

Laut Statistik gibt es in der Schweiz 1200 bis 1500 Suizidfälle pro Jahr; 10- bis 30-fach ist die Zahl an Suizidversuchen (Verkehrstote sind es weniger als 400). Als Risikoalter werden 18 bis 30 Jahre und das fortgeschrittene Alter angegeben. Die Suizidprävention Schweiz ist der Ansicht, dass durch gezielte Aufklärung über Risikogruppen und -faktoren die Zahl der Suizide massiv gesenkt werden könnte. Der Sprung steht laut Thomas Reisch (Universitäre Psychiatrische Dienste Bern) an vierter Stelle der Suizidmethoden, davon erfolgt ein Viertel von Brücken. In seiner Studie ermittelte Reisch zwischen 1990 und 2004 475 Sprünge, die sich auf 141 Brücken verteilen, die alle für Fussgänger gut zugänglich sind. Innerorts sind es Brücken ab 25 Meter, ausserorts ab 50 Meter.

In der Stadt Bern – führend in der tragischen Statistik von Sprüngen – wurde die Münsterplattform 1998 gesichert, der Sittersteg in St. Gallen im Jahr 2002, in Bern die Kirchenfeld- und die Kornhausbrücke vergangenen Dezember mit provisorischen Gitternetzen. Seither ist es ab all diesen Brücken fast nicht mehr zu Sprüngen gekommen. Aus statistischen Daten lasse sich abschätzen, dass ein guter Drittel aller Menschen einen andern Sprungort aufsuchen würde, wenn eine Brücke erfolgreich gesichert würde, so Thomas Reisch. Dazu Reisch («Suizidprävention bei Brücken»): «Das Argument «sie werden sich auf andere Art das Leben nehmen» stimmt für einige, aber bei weitem nicht für alle.

Ursula Davatz, bekannte Fachärztin für Psychiatrie, setzt hinter technische Prävention Fragezeichen. Aus ihrer Sicht muss bei der Aufklärung über psychische Krankheiten wie Depressionen etwas geschehen.

Aktuelle Nachrichten