Sucht
Süchtig, schon vor der Geburt

Suchtkranke Schwangere mit schwerwiegenden sozialen Problemen brauchen besondere Betreuung. Sechs Einrichtungen des Stadtzürcher Sozialdepartementes haben eine Fachgruppe gegründet, um rasch, gezielt und nachhaltig helfen zu können.

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Professorin Ursula Mandach

Professorin Ursula Mandach

Schweiz am Sonntag

Von Andrea Trueb

«Schwangerschaft und Elternschaft» heisst die neue Fachgruppe, ein Zusammenschluss von sechs Einrichtungen des Stadtzürcher Sozialdepartementes. Ihr Ziel: Suchtkranke Schwangere und suchtkranke Mütter mit Kleinkindern, die mit schweren sozialen Problemen kämpfen, zu unterstützen. Rund 50 Meldungen haben die sechs beteiligten Einrichtungen der Fachgruppe bereits gemacht. Das sind fünfzig einzelne Schicksale, bei denen abgeklärt werden muss, ob die künftige Mutter beziehungsweise die Eltern unter medizinisch und sozial ausreichend guten Bedingungen leben, damit das Wohl des Kindes nicht bedroht ist.

Zum Teil hätten die Eltern oder die werdenden Mütter bereits selbstständig medizinische Versorgung organisiert und sich die notwendige Unterstützung geholt, erzählt Donald Ganci von der Jugendberatung Streetwork, die die Fachgruppe leitet. Andere sind in einer weit fortgeschrittenen Schwangerschaft, wenn sie zum ersten Mal mit einer dieser Institutionen in Kontakt kommen und festgestellt wird, dass noch keine medizinische Kontrolle stattgefunden hat und auch keine kindgerechte Folgelösung gefunden wurde.

«Lebt eine schwangere Frau auf der Gasse, konsumiert Drogen und es besteht vielleicht noch eine HIV-Infektion, muss dringend gehandelt werden», sagt Ganci.

Eine solche akute Krisensituation sei durch die neue, enge Zusammenarbeit der verschiedenen Beratungsstellen einfacher. So könnten die Betroffenen früher erkannt und damit erfasst werden, gleichzeitig sind alle an der Gruppe beteiligten Parteien darüber informiert, ob eine Gefährdung von Mutter und Kind droht und welche Unterstützungsmassnahmen bereits getroffen wurden oder aber noch eingeleitet werden müssen.

«Sobald die schwangeren Frauen merken, was ihnen diese Unterstützung bringt, werden die meisten kooperativ», erzählt Ganci. Dies nicht zuletzt, weil sich ihnen mit dem ungeborenen Kind trotz schwierigem Alltag eine neue Perspektive auftut. Wichtig für eine gute Zusammenarbeit sei, dass die Betroffenen bei Entscheiden einbezogen würden. So können sich die Frauen in Einrichtungen umsehen, in denen sie nach der Geburt mit ihrem Kind - und vielleicht auch mit dem Vater des Kindes - wohnen möchten. Auch die nun eingeleitete regelmässige medizinische Versorgung sei für viele Mütter eine Erleichterung.

Sind Eltern oder Elternteile seelisch und körperlich in einem so schlechten Zustand, dass ihre eigene Gesundheit oder das Wohl des Kindes gefährdet sind, setzt die Fachgruppe laut Ganci Druck auf. Das bedeutet konkret, dass die Betroffenen darauf hingewiesen werden, dass eine Gefährdungsmeldung an die Vormundschaftsbehörde droht, falls sie die nötige Unterstützung nicht annehmen. Die Folge einer solchen Gefährdungsmeldung wäre eine Krisenintervention; zum Beispiel eine stationäre Hospitalisierung, oder eine Fremdplatzierung des Kindes. «Wir haben in erster Linie den Kindsschutz im Blick», sagt Ganci zum üblichen Vorgehen. Aber auch die Unterstützung der Eltern sei wichtig: «Wir müssen die vorhandenen Ressourcen der Eltern und ihres Umfeldes bestmöglich mobilisieren.»

«Es ist eine schwierige Arbeit - insbesondere wenn das ungeborene Kind in Gefahr ist», sagt Ganci. Gerade bei einer Drogen-, Medikamenten- oder Alkoholsucht könne das Kind erhebliche Schädigungen erleiden (siehe Interview unten). «Dass dank der Fachgruppe nun alles rascher läuft, die Zuständigkeiten festgelegt und Ansprechpersonen vorhanden sind, ist für alle beteiligten Fachleute, für involvierte externe Stellen und vor allem für die Betroffenen selber eine grosse Erleichterung», so der Streetworker. Zur Fachgruppe gehören nebst Streetwork auch Flora Dora, Beratungsstelle für Sexarbeiterinnen, die niederschwelligen Kontakt- & Anlaufstellen für Drogen konsumierende Menschen, Sicherheit Intervention Prävention (SIP) sowie die Polikliniken Crossline und Lifeline. Laut Donald Ganci hat sich neu auch der Bereich Wohnen und Obdach angeschlossen, da häufig eine problematische Wohnsituation besteht.

Nicht selten komme es bei der Klientel der Fachgruppe - trotz breit gefächerten Schwierigkeiten - zu einem positiven Verlauf, erzählt er weiter. «Wenn die Mitarbeiterinnen der Fachgruppe feststellen, dass es der Mutter und dem Kind gut geht, wenn sie sich liebevoll um ihr Kind kümmert und der Vater am Wohle des Kindes und der Familie beteiligt ist, ist viel erreicht.»

«Neugeborene leiden stark beim Entzug»

Professorin Ursula von Mandach zur klinischen Betreuung suchtkranker Mütter.

Warum wird bei einer suchtkranken Schwangeren kein Entzug gemacht?
Ursula von Mandach: Ein Aspekt ist sicher, dass der Fötus dadurch schon in der Gebärmutter einem Entzug ausgesetzt wäre. Auch eine Reduktion der Dosis, zum Beispiel von Methadon, wird nicht als sinnvoll angesehen, da sich dadurch die Situation des Neugeborenen bei der Geburt nicht verbessert. Die Stärke der Entzugssymptomatik steht nicht im Zusammenhang mit der mütterlichen Dosis.

Ist Methadon oder Heroin für das Kind verträglicher?
Drogenkonsumierende Schwangere und deren Neugeborene werden im Departement für Frauenheilkunde des Unispitals Zürich interdisziplinär betreut. Wenn immer möglich wird von Heroin auf Methadon umgestellt. Dies nicht zuletzt, weil Methadon nicht gespritzt werden muss, sondern oral verabreicht werden kann. Meistens reicht eine Dosis pro 24 Stunden. Gegen Ende der Schwangerschaft muss die Dosis allerdings oft erhöht werden. Zentral ist für uns aber auch die Frage des Ko-Konsums von Kokain, Ecstasy, Cannabis, Alkohol und Beruhigungsmitteln. Unser Ziel ist also auch die Reduktion auf eine Substanz, da die Kombination von verschiedenen Substanzen das Risiko von Mutter und Kind um ein Vielfaches erhöht.

Wie geht es dem Kind einer suchtkranken Mutter nach der Geburt?
Grosse Unruhe mit Zittern und Schreien, Krämpfe und Trinkschwäche stehen im Vordergrund. Bei Heroin kann der Entzug zwei bis drei Monate dauern. Für Mütter oder Paare, die Drogen konsumieren, also ohnehin selber mit verschiedenen Problemen zu kämpfen haben, ist das eine Riesenbelastung. Die Mütter oder Eltern müssen eng begleitet und das Kind manchmal auch fremdplatziert werden. Das alles ist ein Riesenaufwand und verursacht viele Kosten.

Wie stark leiden die Neugeborenen?
Das Leiden ist gross. 90 Prozent aller Neugeborenen, die in der Schwangerschaft Opiaten ausgesetzt waren, zeigen Entzugssymptome. Davon ist bei 75 Prozent eine Therapie mit Morphin-Tropfen unabdingbar. Die akute Phase des Entzugs muss in der Klinik erfolgen. Die Neugeborenen werden entlassen, wenn sie kein Morphin mehr benötigen.

Wie kann den Kindern geholfen werden, abgesehen von der langsamen Entwöhnung?
Die unruhigen Kinder müssen sehr viel herumgetragen werden und brauchen enorm viel Aufmerksamkeit. Die Gefahr ist äusserst gross, dass die Mütter oder Eltern damit überfordert sind.

Weiss man heute, welche Langzeitfolgen die verschiedenen Substanzen für das Ungeborene haben?
Klar ist, dass der Konsum von Alkohol das Schlimmste überhaupt ist. Alkohol verursacht Hirnveränderungen, schädigt die Organe und kann bis zur starken geistigen Behinderung führen. Das wissen wir aus Langzeitstudien und empfehlen daher heute ganz klar: null Alkohol während der Schwangerschaft. Für Heroin, Methadon, Cannabis oder Ecstasy liegen uns Untersuchungen vor am Tier, die Veränderungen an Nervenzellen zeigen, und es gibt bereits bei Menschen Einzelfallbeschreibungen zu verschiedenen Entwicklungsstörungen. Wir erhoffen uns aus den bereits angelegten oder geplanten Langzeitstudien, auch die Langzeitfolgen dieser Substanzen beurteilen zu können. (ant)