Lauterbrunnen

Suche nach vermisstem Speedflyer gestoppt – Familie sucht weiter

Freunde suchen mit Drohnen dasJungfraugebiet ab.

Freunde suchen mit Drohnen dasJungfraugebiet ab.

Speedflyer Harrison Fast wird seit sechs Tagen vermisst. Seine Familie hat die Suche in die eigene Hand genommen.

Jane Fast ist eine herzliche Frau. Allzu gerne würde sie ihren Sohn Harrison (28) in die Arme schliessen, von dem seit bald einer Woche jede Spur fehlt. Doch Jane ist eine optimistische Person. Und so nimmt sie Tritt um Tritt auf dem steilen Wanderweg und sucht Halt am Fixseil, das uns im steilen Gelände sichert.

Bald befinden wir uns hoch über dem Lauterbrunnental, bei den berühmten Trümmelbachfällen, am Fusse der Jungfrau. Fast senkrecht ragen die Felswände von den grünen Matten im Talgrund empor.

Dort will Harrison Fast am vergangenen Samstag mit seinem Gleitschirm landen. Doch es kommt nicht dazu. Mit sechs Freunden ist er auf das 3500 Meter hohe Jungfraujoch gefahren. Mit dabei: Ihre Gleitschirme und Skis. Fast und die anderen wollen damit bis ins Tal hinunter fahren und gleiten. Speedflying heisst die Sportart, bei der Wintersportler das Tiefschnee-Erlebnis mit dem Gleitschirmfliegen kombinieren. Der Vorteil: Man kann sich in Hänge wagen, die an Abgründen enden. Der Gleitschirm erlaubt das sanfte Abheben über Klippen, Gletscherabbrüche und andere Hindernisse.

Harrison und seine Freunde sind keine Pioniere. Die Route wird von Speedflyern häufig befahren, sagen Extremsportler in Lauterbrunnen, dem Mekka für Basejumper und andere Adrenalinjunkies. Tödliche Unglücke katapultieren das Dorf im Berner Oberland immer wieder in die Nachrichten.

Immer wieder Sturm

Die Gruppe von Harrison hat Pech. Zwei der sechs geraten in plötzlich aufgekommene Sturmwinde. Unterhalb des Jungfraugipfels bleiben sie bei einem Gletscherabbruch stecken. Von Harrison fehlt jede Spur. Und das, obwohl ihm ein tadelloser Start gelang, wie Aufnahmen auf einer der Go-Pro-Kameras später zeigen. War er links statt rechts entlang der Felsrippe geflogen, fragen sich die Angehörigen? War er abgestürzt? Sie wissen es nicht.

Bereits ist die Tageszeit weit vorangeschritten. Die Rega fliegt die beiden festgesteckten Speedflyer aus und sucht nach Harrison. Auch vom Boden aus machen sich Retter auf. Bis zum Eindunkeln. Beim Gletscherabbruch können sie ein schwaches Handysignal orten, doch dann dunkelt es ein. Die Situation ist heikel. Der Wind wird immer stärker und die Gefahr im hochalpinen Gelände verändert sich von Stunde zu Stunde. Am Sonntagvormittag nehmen die Retter die Suche erneut auf, müssen um die Mittagszeit aber wiederum unterbrechen. Dasselbe am Montag. Dann stellen die Bergretter die Suche ein. Längst ist die Kantonspolizei Bern eingeschaltet worden. Seit Samstagnacht gilt Harrison als vermisst.

Amerikanische Polizisten haben unterdessen bei Harrisons Eltern in Denver angeklopft. Via Interpol gelangte die Vermisstmeldung in die USA. Die Familie und Freunde entschliessen sich, für die Rettung privat Geld zu sammeln. Bis heute sind mehr als 60 000 Dollar zusammengekommen. Am Dienstag setzt sich Jane in den Flieger und reist in die Schweiz. Ihre Nichte, Harrisons Cousine Cassie Carothers, ist bereits einen Tag vorher hier und versucht, die Schweizer dazu zu bringen, die Sucharbeiten erneut aufnehmen.

Harrisons Familie ist enttäuscht. «Warum gaben die Retter die Suche so schnell auf?, fragt sich Jane. Christoph Gnägi, Sprecher der Kantonspolizei Bern, ist es wichtig, zu präzisieren: «Die Suche ist nicht eingestellt, sondern unterbrochen. Solange eine Person vermisst ist, wird sie weitergesucht. Aktive Suchmassnahmen werden dann jeweils gezielt bei neuen Hinweisen aufgenommen.»

Warum aber wurde unterbrochen? Es sei sehr schwieriges und gefährliches Gelände, sagt Gnägi. Die Bergretter gingen an die Grenzen, diese dürften aber nicht überschritten werden. «Der Entscheid, die Suche zu unterbrechen, war kein einfacher. Wir haben das Menschenmögliche getan», so Gnägi. Die Suche werde wieder aufgenommen, wenn es neue Hinweise gebe.

Die Hoffnung dröhnt

Neue Hinweise – sie können auch von privater Seite kommen. Und so sind Harrisons Freunde und Verwandte nun mit Drohnen unterwegs. Matt und Josh sind mit der Mutter, Jane, unterwegs. Matt studiert Kunstgeschichte in Bern und ist Drohnen-Pilot. Josh ist Bergsteiger und Basejumper. Er kennt sich im Gelände aus. Das von den Drohnen gelieferte Videomaterial wollen sie später auswerten, die Bilder genau nach Auffälligkeiten absuchen. Hoffnungsvoll stimmt sie der Fall eines Amerikaners, der vor vier Jahren erst Tage nach seinem Verschwinden wiedergefunden wurde. Ebenso von Privaten, ebenso im Jungfraugebiet.

Die Mitglieder des privaten Suchtrupps steigen samt Drohnen in ihren Rucksäcken den steilen Weg hoch, um in ein Gebiet zu gelangen, das die Schweizer Bergretter bisher nicht abgesucht haben. Nach einer knappen Stunde Marschzeit erreichen sie ein kleines Plateau. Sie starten die Drohnen. Go-Pro-Kameras zeichnen den Flug auf und das Videomaterial wird direkt auf die iPads der beiden Hobbypiloten übermittelt.

Matt steuert seine Drohne in die tiefe Schlucht. Josh bleibt mit seiner in sicherer Höhe und beobachtet via Video die Bewegungen von Matts Drohne genau. Denn die direkte Sicht zu Matts Fluggerät ist blockiert und so dient Joshs Drohne der Orientierung. Und trotzdem übersehen die beiden einen Strauch. Matts Drohne touchiert einen Ast und gerät ins Trudeln. Plötzlich ist das unverkennbare Dröhnen um eine Drohne leiser. Matts Fluggerät ist abgestürzt. Er lässt die Schultern hängen. Die Drohne ist verloren. «Immerhin haben wir gutes Videomaterial zum Analysieren», sagt er. Und Josh ergänzt: «Deshalb fliegen wir unsere Maschinen da rein. Wenigstens bringen wir so niemanden in Gefahr.»

Meistgesehen

Artboard 1