Melchnau

Strom vom Dach für bis zu 100 Haushalte

Spatenstich: Bei der Vorstellung des Solarstromprojektes posierten die Beteiligten mit den obligaten blauen Schaufeln vor der Baugrube für die Jauchegrube. (Bild: jr)

Solarstrom

Spatenstich: Bei der Vorstellung des Solarstromprojektes posierten die Beteiligten mit den obligaten blauen Schaufeln vor der Baugrube für die Jauchegrube. (Bild: jr)

In Melchnau entsteht eine der grössten privaten Solarstromanlagen der Schweiz. Eine neue Gesellschaft, an der sich Energie Wasser Bern und die Industriellen Betriebe Langenthal beteiligen, will auf dem Dach einer neuen Viehscheune rund 240 000 Kilowatt Elektrizität pro Jahr erzeugen.

Jürg Rettenmund

Nur eine fehlte gestern Morgen im Bodmen bei Melchnau: die Sonne. Das war auch nicht tragisch, wird doch dort erst vom nächsten Frühling an Solarstrom produziert. Anwesend waren dafür gut dreissig Personen, alle verbunden durch eigene oder gemeinsame Visionen. Dazu gehören vier Melchnauer Bauernfamilien, deren Vision Simon Duppenthaler vorstellte (Namen der Familien am Schluss).

Von dieser sichtbar ist bereits ein grosses Loch für die Jauchegrube. Sie wird dereinst zu einer neuen Viehscheune für Milchvieh- und Aufzuchthaltung gehören. 100 Kühe und 40 Kälber sollen darin Platz finden. Dazu kommen ein Heuraum unter dem Dach und ein fester Auslauf daneben. Die vier Familien sind überzeugt, damit trotz sinkendem Milchpreis, steigenden Preisen für Produktionsmittel und immer strengeren Tierschutzvorschriften die Zukunft ihrer Vollerwerbsbetriebe sichern zu können.

Vision trifft auf Vision

Doch diese Vision allein hätte kaum zum Aufmarsch vom Mittwoch geführt. Dafür brauchte es eine weitere Vision. Diese hatte Stefan Bigler, Software-Ingenieur aus Niederönz und Onkel von Simon Duppenthaler: Als er von der Vision seines Neffen erfuhr, sah er die Chance, die beiden zu verbinden. Als Hobby beschäftigte er sich mit Sonnenenergie - aus Interesse an der Technik und aus Sorge um die Umwelt.

An den Plänen für die Viehscheune interessierte ihn deshalb das grosse Satteldach und davon im Besonderen die gegen Süden ausgerichtete Hälfte: Die 1800 Quadratmeter sind ein perfekter Standort für eine Fotovoltaikanlage, die aus den Strahlen der Sonne Elektrizität erzeugt. Rund 240 000 Kilowattstunden Strom sollten sich darauf im Jahr gewinnen lassen, genug für zwischen 60 und 100 Haushalte.

Solarelemente sind zugleich Ziegel

Zugute kam Bigler eine neue Entwicklung der Firma 3S (Swiss Solar Systems) in Lyss: Diese hat Fotovoltaikelemente entwickelt, die sich wie grosse Dachziegel direkt auf die Dachlattung montieren lassen. 1762 dieser grossen «Ziegel» braucht es für das Süddach der Melchnauer Viehscheune. Eine andere Dachhaut ist darunter nicht nötig. Damit bringt die Anlage auch der Betriebszweiggemeinschaft eine Einsparung. Zusätzlich kann diese die Abwärme der Zellen-Kühlung für die Heubelüftung verwenden.

Nur mit den Bauern zusammen hätte Bigler seine Vision nicht verwirklichen können. Zum Glück kam für ihn der Energieversorger der Stadt Bern, Energie Wasser Bern (EWB), hinzu. Diese will bis 2039 nur noch nachhaltigen, ökologischen und kernenergiefreien Strom beziehen, wie CEO Daniel Schafer in Melchnau erläuterte. Sie beteiligt sich deshalb als grösster Partner am Projekt. Bereits hat sie auch einen Abnehmer für den grössten Teil des zu erwartenden Stromes gefunden: die Swisscom. Mit ins Boot gestiegen ist aus vergleichbaren Motiven schliesslich auch der regionale Energieversorger Industrielle Betriebe Langenthal (IBL).

2-Millionen-Franken-Investition

Die vier Partner gründeten am Dienstag die Pvenergie AG (pv für Fotovoltaik). Mit je 40 Prozent beteiligt

sind Stefan Bigler und EWB. Letztere stellt zudem für die zwei-Millionen-Franken-Investition ein Darlehen von 1,3 Millionen Franken zur Verfügung. In die restlichen 20 Prozent teilen sich die IBL und die am Projekt beteiligten Bauern.

Die Anlage kommt ohne die kostendeckende Einspeisevergütung des Bundes aus. EWB und IBL verkaufen den Strom unter ihren Ökolabeln mit einem Aufpreis von 75 respektive 80 Rappen auf den üblichen Tarifen. Zu den eigenen Produktionskosten gibt die Pvenergie nur an, dass die Margen der Vertriebspartner sehr gering sind.

Für den Bau der Anlage strebt Pvenergie die Zusammenarbeit mit dem Jugendsolarprojekt von Greenpeace an. Dieses ermöglicht es Jugendlichen, am Bau von Solaranlagen mitzuarbeiten.

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