Streit eskaliert, Mann würgt Frau

Nachdem er sie fast getötet hätte, gibt die Ehefrau ihrem Mann eine zweite Chance. Vor Gericht wird er verurteilt.

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Aargauer Zeitung

Andrea Marthaler

Bei der Verhandlung im Bezirksgericht Lenzburg ist offensichtlich, sowohl Ehemann als auch die als Hauptzeugin vorgeladene Ehefrau, nennen wir sie Carlos und Isabel, sind nur ungern erschienen. Das portugiesischstämmige Ehepaar würde den Vorfall vom Januar 2008 lieber vergessen, versucht sogar einen gemeinsamen Neustart. An die detaillierten Ereignisse wollen sich beide denn auch nicht erinnern. Zuvor gab es schon mehrfach Konfliktsituationen zwischen den mehr als 20 Jahre verheirateten, auch Drohungen wurden ausgesprochen.

In der Nacht vom 15. auf den 16. Januar eskalierte ein verbaler Streit zwischen Carlos und Isabel. Carlos beginnt seine Frau zu würgen, sodass diese praktisch keine Luft mehr bekommt und nicht mehr schreien kann. Nach geschätzten 12 Sekunden lässt er sie los.

Tochter rettete Mutter

Etwas später packt Carlos Isabel erneut am Hals und versucht sie nochmals zu würgen. Vom Lärm im Nebenzimmer ist inzwischen die 17-jährige Tochter erwacht, die ihren Vater stoppen kann. Isabel ist sich vor Gericht sicher: «Wenn meine Tochter nicht gewesen wäre, wäre ich tot.» Zwischendurch sperrte Carlos zudem seine Frau und seine Tochter im Zimmer ein, bis Isabel ihre Nachbarin anrufen kann und Hilfe bekommt.

Den Rest der Nacht verbringt Isabel gemeinsam mit ihrer Tochter bei der Nachbarin. Sie will am nächsten Tag normal zur Arbeit gehen. Erst ihre Chefin motivierte Isabel zum Arzt zu gehen und Anzeige gegen ihren Mann zu erstatten.

Wohnen wieder zusammen

Nach den körperlichen Übergriffen trennt sich Isabel von ihrem Mann, zieht mit ihrer jüngeren Tochter in eine eigene Wohnung. Carlos drängt sie jedoch immer wieder, ihm eine zweite Chance zu geben.

Obwohl Isabel vor Gericht sagt, sie habe kein Vertrauen mehr zu ihrem Mann, will sie erneut eine Partnerschaft versuchen. «Ohne einen Versuch kann ich nicht feststellen, ob er sich gebessert hat.» Seit dem 1. April wohnt die Familie wieder zusammen. Bisher sei alles gut gegangen.

Aus Eifersucht gewürgt

Carlos gesteht vor Gericht alles. Der 49-jährige gibt als Grund an, er sei wegen Eifersucht aggressiv geworden. «Manchmal bin ich sehr eifersüchtig.» Der Streit sei aus einem Missverständnis entstanden. Er habe seiner Frau aus Zärtlichkeit über den Rücken gestreift. Diese habe vermutet, er suche ihr Handy.

Carlos und Isabel haben sich daraufhin verkracht, immer schlimmere Worte sind gefallen, bis er nicht mehr weiter wusste und Isabel würgte. Vor Gericht sagte der überaus kräftige Mann zu seiner Verteidigung: «Ich wollte sie nicht töten, deshalb habe ich losgelassen.»

Verteidiger will Freispruch

Der Verteidiger plädierte auf Freispruch. «Mein Klient ist ein einfacher Mann, er erinnert sich nicht an alles. Er war damals ausser sich.» Dem Vorfall sei eine nachvollziehbare Vorgeschichte vorausgegangen, Carlos habe im Affekt gehandelt. Und zudem sei Isabel aus Gründen, die er nicht nennen dürfe, mitverantwortlich.

Das Gericht hörte nicht auf den Verteidiger. Carlos wurde zu sieben Monaten Freiheitsstrafe bedingt verurteilt wegen Gefährdung des Lebens und Freiheitsberaubung. In drei weiteren Anklagepunkten - mehrfache Nötigung, mehrfache Drohung und mehrfache Tätlichkeiten - wurde das Verfahren auf Gesuch von Isabel eingestellt.