Street-Art
Street-Art statt Food & Co

Statt Eier, Toilettenpapier und Ersatzbatterien wird in der ehemaligen Migros am Loryplatz diese Woche Kunst verkauft. Vor allem aber entsteht aus dem einstigen Marktplatz selber ein Kunstwerk: Installiert von über zwanzig jungen Malern und Sprayern.

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Artacks
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az Langenthaler Tagblatt

Samuel Thomi

Das ist die Geschichte von einem unmöglich geglaubten Kunstprojekt. Sie beginnt irgendwann mal nach dem Entscheid der Migros, ihre Filiale vom Loryplatz in Bern ins Fischermätteli zu zügeln und in einen VOI-Laden umzuwandeln. Die angekündigte Schliessung provozierte im letzten stadtberner Wahlherbst eine Medienmitteilung nach der anderen. Auch die Leserbriefspalten waren voll darob.

Die Grüne Freie Liste um Präsident und Anwohner Manuel C. Widmer sammelte gar über tausend Unterschriften. Die Migros schloss im März dennoch. Wer künftig die einstige Fläche des M-Riesen bewirtschaften will, darf während fünf Jahren keine unmittelbare Konkurrenz für den VOI in 400 Meter Entfernung sein.

«Kreativer Spielplatz»

Seither erinnern nur noch die fetten Lettern «Zu verkaufen: 058 565 85 52» im Schaufenster an diese Geschichte. Und da beginnt «das Unglaubliche», wie es Sébastian Lavoyer sagt. Er nennt sich selber «ein ehemaliger Loryplatz-Migros-Kunde»; und passiert heute noch jeden Tag auf dem Heimweg die Ladenfront.

«Man sollte doch was aus diesem Gebäude machen», stand am Anfang des Projekts. «Aber das wird die Migros nie bewilligen», sagte er sich. Und rief dann doch «einfach mal spontan» auf die Nummer an.

Im Frühling erst hatte Lavoyer mit Kollegen die «vagabundierende Galerie ‘Artacks'» gegründet; organisierte mit «Goin'out» sein erstes Installationsprojekt in einem Schiffscontainer auf dem Berner Waisenhausplatz. Und am Buskers-Strassenmusikfestival letzten Herbst schliesslich produzierte «Artacks» mit «Take-Away» auf der Münsterplattform vor Ort Kunst - zum Kaufen und gleich Mitnehmen.

Für eine Woche ist «Artacks» nun wieder sesshaft geworden; noch bis heute Samstagabend, um präzise zu sein. Dann findet die Vernissage von «the wall» statt, in Anspielung auf die seit dem Umzug nackten Wände im einstigen Migros. Danach ist Schluss mit dem «kreativen Spielplatz» («Artacks»-Kurator Patrick Urwyler).

Ab Montag wird die ehemalige Filiale weiss gestrichen. Nichts soll mehr an diese «urbane Kulturwoche» (Lavoyer) erinnern, so die Abmachung mit der Migros, welche die Räume gratis drei Wochen zur Verfügung stellt. Wasser und Strom inklusive.

Nur Weiss und Schwarz

Ansonsten kommt «Artacks» für das Material der gut zwanzig Teilnehmer auf. Die vornehmlich jungen Street-Art-Künstler stammen aus Bern, Biel und Solothurn. Organisiert sind sie nur lose; zum Teil in verschiedenen Künstler- oder Maler-Kollektiven im Untergrund. «Schwarzmaler», «Blackyard» oder «SYLG» nennen sie sich beispielsweise. Oder es sind Einzelmaler, wie Ueli; Grafiker von Beruf, Bern. Auf den Nachnamen legt er - wie auch andere vom stundenlangen Wirken gezeichnete Schwerarbeiter - keinen Wert.

«Völlig ohne Konzept» sei er angereist; «nach achteinhalb Stunden im Büro male ich diese Woche jeden Abend weiter». Einziges wirklich verbindendes Element von «the wall»: Es darf nur Weiss und Schwarz verwendet werden. «Das Ziel wäre, dass unsere Werke noch enger zusammenwachsen», sagt Ueli. Diese Meinung teilt Yves: «Bis die Vernissage beginnt, arbeiten wir». Nimmt die Spraydose, steigt auf die Leiter. Ach ja, man solle noch schreiben: «Es gibt wieder was zu kaufen am Loryplatz.» Anwohner seien auch eingeladen.
Damit «Artacks» die Auslagen decken kann, können Besucher mit einer Digital-Kamera bestückt durchs Haus ziehen und Detailaufnahmen knipsen. Als Andenken kann man sich später davon Nitro-Frottagen printen lassen. «Damit wir als Galerie doch noch etwas Handfestes bieten können», kommentiert Sébastian.

Vernissage: Heute Samstag, ab 19 Uhr.
Internet: www.artacks.ch