Marion Kaden

Die trübe Jahreszeit ist da und löst bei manchen Menschen depressive Verstimmungen aus. Zur Aufhellung des verdüsterten Gemüts werden als vorübergehende Behandlung gerne Johanniskrautpräparate empfohlen. Die traditionell bedeutsame Pflanze steht wegen ihrer Phänomenologie sinnbildhaft für das Sonnige. Johanniskraut (Hypericum perforatum) blüht dann, wenn die Sonne am höchsten am Firmament steht: zur Zeit der Sommersonnenwende. Wer eine Blüte pflückt und diese zerreibt, erlebt eine Überraschung. Blutroter Pflanzensaft tritt aus und färbt die Finger. Auf der Kleidung lässt sich die Farbe nur schlecht entfernen.

Den Teufel austreiben


Schon wegen ihres roten Saftes beschäftigten sich Heilkundige seit Tausenden von Jahren mit dem Johanniskraut. Die Pflanze trug viele Namen, die auf den Gebrauch in der Volksheilkunde schliessen lassen. Im vorchristlichen Mittelalter hiess sie beispielsweise Mannskraft oder Hexenkraut und es wurden daraus, gemischt mit starkem Met, Liebestränke gebraut. Verliebte gaben diese dem Menschen ihres Herzens zu trinken, um dessen Desinteresse auszutreiben und
die Liebe zu entfachen.

Zur Zeit der Sommersonnenwende wurde die Pflanze jeweils zu Schutzzwecken gepflückt. Denn gerade dann, so dachten die Menschen damals, waren gute wie böse Geister unterwegs, um Schabernack mit den Menschen zu treiben. Das Tragen eines Johanniskrautzweigs schützte gegen die unerwünschten Anfeindungen dieser Mächte.



Im christianisierten Europa waren für die Pflanze neue Namen gebräuchlich. In der Eifel zum Beispiel nannte man sie Herrgottsblut, in Ostpreussen Christusblut oder in Nordböhmen Maria Bettstroh. Die heidnisch-magischen Rituale wurden durchaus beibehalten - allerdings eher um damit Hexenspuk und Teufelsmächte auszutreiben. Volkssagen berichten darüber, wie beispielsweise Kinder mit Hilfe des Johanniskrauts aus den Fängen des Teufels errettet werden konnten.

Allheilmittel für die Hausapotheke

Als Medizin ist das Johanniskraut seit Menschengedenken im Einsatz. Erstmals schriftlich festgehalten wurde dies im 1. Jahrhundert n. Chr. von Dioskurides, dem berühmten Arzt des Altertums. In seiner Arzneimittellehre unterscheidet er vier Hypericum-Arten (Hartheu, Hyperikon, Askyon oder Androsaimon) und gibt detaillierte Angaben zu deren Einsatz, wobei sich die Indikationen ähneln. Johanniskraut habe eine harntreibende und der Same, in einem Zäpfchen eingelegt, eine menstruationsfördernde Kraft, schreibt er. Mit Wein getrunken vertreibe es dreitägiges Fieber, Samen über vierzig Tage eingenommen heilten Ischias und die Blätter samt Samen als Umschlag Brandwunden. Laut Dioskurides kann Johanniskraut gallige Unreinheit vertreibenund Umschläge werden verwendet, um Blut zu stillen oder Brandwunden zu heilen.

Im Mittelalter findet Paracelsus (1493-1541) überschwängliche Worte für die Wirkungen des Johanniskrauts: «Es ist gar nicht möglich, dass eine bessere Arznei für Wunden in allen Ländern gefunden wird», schreibt er und empfiehlt es bei Quetschungen, Brüchen oder als äusserlich schmerzlinderndes Mittel. Die Pflanze sei auch hilfreich gegen «Krankheiten ohne Corpus und Substanz» wie zum Beispiel bei «tollen fantaseien, die Menschen in verzweiflung bringen».

Auch der Kräuterpfarrer Sebastian Kneipp (1821-1897) hielt viel vom Johanniskraut und wandte es als Allheilmittel an. Ihm lag die medizinische Versorgung der armen Bevölkerung besonders am Herzen und die Pflanze bot ihm dabei viele Möglichkeiten. So liess sich Johanniskrautöl einfach für die eigene Hausapotheke selbst herstellen. Dieses Rotöl empfahl er äusserlich zur Behandlung von Hexenschuss, rheumatischen Erkrankungen, Gicht oder Verrenkungen. Zur inneren Anwendung, um Leibschmerzen zu kurieren, verordnete Kneipp 6 bis 8 Tropfen Johanniskrautöl auf Zucker. Tee aus getrockneten Blüten und Blättern verabreichte er bei leichter Verschleimung von Brust, Lunge oder bei Magendrücken.


Das Oleum Hyperici wird auch heute noch gerne äusserlich als Wundheilmittel zur Behandlung und Nachbehandlung von Verletzungen, Muskelschmerzen, Muskelkater, Überbeanspruchung bei Haltungsschäden, Wundliegen oder bei Verbrennungen ersten Grades genutzt. Rotöl kann in Drogerien oder Apotheken gekauft werden.

Gut für die Nerven

Im 18. Jahrhundert tauchen die ersten Beschreibungen über den Gebrauch von Johanniskraut bei Nervenschwäche auf. So empfahl es 1742 Johann Wilhelm Weinmann in der Phytanthoza iconographia, denn es «stärcket das sämtliche Nerven-Werck». Der Berner Naturarzt Albrecht von Haller (1708-1777) beschreibt es als hilfreich zur Behandlung von Melancholie. Als Gerhard Madaus 1938 sein umfassendes Werk «Lehrbuch der biologischen Heilmittel» verfasst, nimmt er auch die Fachmeinungen zeitgenössischer Kollegen auf. So berichtet er, dass sich in neuerer Zeit einige Ärzte für die Anwendung des Johanniskrauts einsetzten, beispielsweise als ausgesprochenes Nervenmittel, das bei hysterischem Nachtwandeln, Somnambulismus, Kopfschmerzen heilkräftig sei.


1984 wurde Hypericum perforatum von einer Kommission des deutschen Bundesgesundheitsamtes als wirksam monographiert, später ebenso von der European Scientific Cooperative on Phytotherapy. In der Schweiz sind zahlreiche Johanniskraut-Präparate zur Behandlung gedrückter Stimmung, Stimmungslabilität und Spannungszuständen zugelassen.

Unseriöse Wirksamkeitsstudien

Zur medikamentösen Standardtherapie der Schulmedizin bei Depressionen gehören vor allem Lithium, trizyklische und nichttrizyklische Antidepressiva sowie selektive und nicht-selektiv wirkende Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI). Die Antidepressiva-Verordnung ist jedoch in die Kritik geraten. So stellte die amerikanische Arzneimittelbehörde (FDA) 2004 fest, dass die Studienlage, der von der Industrie eingereichten Anträge für eine Zulassung von SSRI, ausgesprochen mangelhaft war. Von insgesamt 72 bewerteten Studien wurde bei jenen 38, die den SSRI eine positive Wirkung zuschrieben, nur eine nicht veröffentlicht; bei den 36 Studien mit negativem Ergebnis wurden jedoch 22 überhaupt nicht veröffentlicht. Damit ergab sich eine verzerrte Beurteilungsgrundlage für die tatsächliche Wirksamkeit der SSRI.

Weiter kritisierte die FDA die bewusste Verschleierung von Nebenwirkungen. Verschiedene Wissenschaftler fordern deshalb, dass die Wirkung und Sicherheit aller chemischen Antidepressiva mit Ausnahme von Lithium im Rahmen korrekt durchgeführter Studien erneut nachgewiesen werden müssen.

Für viele Ärzte sind standardisierte Johanniskraut-Präparate bei leichten bis mittelschweren depressiven Störungen eine ernstzunehmende Alternative für die chemisch-synthetischen Antidepressiva, nicht zuletzt wegen deutlich geringerer Nebenwirkungen und der hohen Akzeptanz von Pflanzenheilmitteln bei den Patienten. Der Einsatzbereich der Phytopharmaka umfasst meist die Verordnung bei saisonaler Depression zur Aufhellung der Stimmung oder bei leichten bis mittelschweren Depressionen. Fertigpräparate aus Trockenextrakten sind die Mittel der Wahl, wobei je nach Schweregrad der Depression eine Dosierung von 300 bis 600 Milligramm Trockenextrakt pro Tag verschrieben wird.

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