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Stille Nächte im eigenen Wohnwagen

Ob freiwillig oder unfreiwillig auf dem Campingplatz: Die Dauercamper in Hochwald feiern alle zusammen Weihnachten.

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Hallo

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bz Basellandschaftliche Zeitung

Muriel Mercier

Ein Hauch warme Luft strömt einem ins Gesicht, wenn man von der morgendlichen Kälte die Tür zu Martin Muchenbergers Wohnwagen öffnet. Kaum hat man den Campingwagen betreten, fällt einem auf dem Esstisch ein kleiner Weihnachtsbaum auf, dekoriert mit leuchtenden, kleinen Lämpchen, blauen und goldigen Weihnachtskugeln und glitzerndem Lametta. Daneben liegen Orangen. Es weihnachtet in Muchenbergers Campingwagen, obwohl er sagt: «Ich bin nicht der Typ, der Weihnachten feiert.»

Muchenberger ist seit acht Jahren Dauercamper auf dem Campingplatz «Camp uf der Holle» von Hochwald - wie acht weitere Männer und zwei Frauen auch. Diese Wohnform hat er freiwillig gewählt. Denn: Er kann sich ein Leben in der Stadt nicht mehr vorstellen. «Ich könnte mir schon lange wieder eine Wohnung leisten. Aber in der Stadt plagt einem jeden Tag der Lärm. Hier oben sehe ich Rehe, Hasen, Füchse. Und im Winter wache ich morgens auf und die Landschaft ist weiss.»

So unbeschwert sah der 48-Jährige sein Schicksal als Dauercamper nicht immer. Als er vor acht Jahren aufgrund einer geplatzten Halsschlagader für zwei Wochen auf der Intensivstation lag, verlor er als selbstständiger Geschäftsführer des Reinigungsservices Fixtec unzählige Aufträge. Dies zwang ihn, den Gürtel enger zu schnallen - er zog in den Wohnwagen. Leicht sei ihm der Schritt nicht gefallen, im Gegenteil: «Ich habe mich geschämt. Ich dachte, die anderen denken, ich sei ein ‹Dubel›.»

Zu wenig Platz für zwei

Heute steht er zu seinem Leben auf 15 Quadratmetern - denn der Alltag im Wohnwagen hat für ihn viele Vorzüge. «Mein Camper ist nicht gross und somit einfach zu unterhalten.» Zudem habe er alles: Von einer Stereoanlage über eine Kaffeemaschine, eine grosse Küche und einen grossen Eisschrank bis hin zu Kabelfernsehen.»

Er kennt denn auch keinen Neid. Denn Familien, die in Villen leben, könnten ihren Besitz selten geniessen, weil sie keine Zeit dafür haben. Auch für die Kleiderpflege hat Muchenberger eine Lösung parat: Er wäscht seine Hemden und Hosen im Büro in Basel. Ein Nachteil: «Eine zweite Person hätte in diesem Wagen keinen Platz», lacht er.

«Eine Badewanne fehlt immer»

Mit Daniel Pulver, einem Nachbarn von Muchenberger, hat es das Schicksal nicht so gut gemeint. Niedergeschlagen erzählt er, es habe für ihn keine andere Möglichkeit gegeben, als auf den Campingplatz zu ziehen.

Ein Rückenleiden plagt Pulver seit seiner Kindheit. Zudem war er 15 Jahre lang schwer heroinabhängig und wurde vor sieben Jahren siebenmal operiert. Danach schlugen die Behörden zu: «Sie wollten, dass ich wieder arbeite und boten mir eine Umschulung an. Ich habe aber gemerkt, dass ich dem Druck der Behörden und der Gesellschaft nicht standhalte. Ich hatte Angst, wieder in die Drogenszene abzustürzen.» Konsequenz: Die Invalidenversicherung strich Pulvers Rente.

Doch der 41-Jährige hat wieder Boden unter den Füssen. Er arbeitet zwischen 30 bis 40 Prozent temporär. Es fehle ihm an nichts - «ausser an einer Badewanne. Die fehlt immer». Zudem sei er handwerklich geschickt und unterstütze andere Camper, wenn sie Hilfe bräuchten.

Freundschaft und Zusammenhalt sind auf dem Campingplatz «Camp uf der Holle» gross geschrieben, bestätigt auch Martin Muchenberger. Er mäht regelmässig den Rasen vor dem Campingwagen eines Besitzers, der den Weg selten nach Hochwald findet. Sowohl an den lauen Sommer- als auch an den kalten Winterabenden sitze man im Clubhäuschen, unterhalte sich, trinke ein Bier. «Man ist nie alleine hier», betont er.

Waldweihnachten organisiert

Daniel Pulver organisiert jedes Jahr für die Bewohner auf dem Campingplatz Waldweihnachten. Die rund zehn Dauercamper packen dann ihr Grillgut in den Rucksack, spazieren in den nahen Wald und verbringen einen ruhigen Weihnachtsabend zusammen am Feuer.

Ganz ohne traditionelle Feier jedoch kommt Muchenberger dann doch nicht aus. So geht er gerne an einem Abend nach Hause zu seinen Eltern.