Maja Sommerhalder

«Wenn schon, haben gewisse Bauern den Stinkstiefel verdient», sagt Hans Burkart (59). Der Landwirt ist einer von 15 Milchproduzenten in Merenschwand - das ist die Heimatgemeinde der Volkswirtschaftsministerin Doris Leuthard. «Meine Frau war mit ihr im Turnverein. Wir haben den Eindruck, dass sie sich sehr gut in das Dossier Landwirtschaft hineingearbeitet hat.» Diese Meinung teilen nicht alle Bauern. Am Freitag wurde die Bundesrätin an der Käse-Olympiade in Saignelégier JU mit Gummistiefeln beworfen - die Aktivisten der Bauerngewerkschaft Uniterre hatten die Aktion geplant. Gewerkschaftsführer Paul Sautebin zu «SonntagsBlick»: «Leuthard ist ein Stinkstiefel. Sie scheint im Augenblick alles zu unternehmen, um uns kaputt zu machen. Die Existenz unserer Familien ist bedroht.»

«Ich lebe vom Ersparten»

Auch Milchproduzent Burkart hat es derzeit nicht leicht. Wegen des sinkenden Milchpreises ist sein Umsatz um 10 Prozent eingebrochen; seine 33 Kühe können ihm das Einkommen nicht mehr sichern: «Wir kommen über die Runden, weil mein Sohn und meine Frau auswärts arbeiten.» Trotzdem: Schuld an der Miesere seien nicht allein die Politiker, sondern die Bauern selbst: «Sie haben viel zu viel Milch produziert. Deshalb sind die Preise zusammengebrochen.» Die Milchverbände hätten dies auch noch unterstützt. Burkart fordert, dass die Milchmenge wieder beschränkt wird: «Dafür kann man einen guten Preis machen. Das geht aber nur, wenn sich alle Bauern daran halten.»

Nicht weit von ihm leben die 16 Kühe von Paul Wey (51). «Es ist eine schwierige Zeit. Weil ich nur 59 Rappen pro Liter verdiene, muss ich von meinem Ersparten leben», sagt der Merenschwander Milchbauer: «Ich verstehe schon, wenn die Emotionen hochgehen. Trotzdem unterstütze ich die Stiefelattacke nicht.» Sie könne Schaden anrichten: «Ich glaube nicht, dass die Bevölkerung dafür Verständnis hat.» Im Gegensatz zu Landwirt Burkart wünscht er, dass die Politiker etwas gegen die fallenden Milchpreise unternehmen: «Die Grenzöffnung des Nahrungsmittelmarktes ist verantwortlich für den Milchüberschuss. Die Schweizer können mit den ausländischen Produkten nicht mithalten.» Die Politik müsse alles dafür tun, um den einheimischen Markt zu unterstützen. Er nimmt aber auch die Konsumenten in die Pflicht: «Sie sollten mehr einheimische Produkte kaufen. Schon allein der Umwelt zuliebe.»

Der Druck der Marktöffnung spürt auch sein Nachbar Felix Fischer (39). Für die Stiefelattacke hat er aber kein Verständnis: «Damit löst man keine Probleme. Es braucht sachliche Dialoge.»

«Stiefelattacke bewirkt nichts»

Trotzdem hinterfragt er die Politik: «Man hat zu viel Milch produziert, weil der Staat und die Verbände ihre Kontrollaufgeben nicht richtig wahrgenommen haben.» Er fordert mehr Regeln: «Gerade auf die Marktöffnung hin, soll es möglich sein, dass wir zu fairen Preisen produzieren können.» Momentan verdient er nichts an der Milchproduktion: «Wenn das so weitergeht, muss ich mir Gedanken machen.»

Gedanken macht sich auch Walter Leuthard (57) aus Merenschwand, der 60 Kühe besitzt: «Ja, es wurden Fehler gemacht. Sonst wäre nicht so viel Milch produziert worden.» Auch er wünscht sich fairere Regeln von der Politik: «Leider habe ich kein Patentrezept.» Obwohl er heute 50 000 Franken weniger Umsatz macht als er im Vorjahr, will er nicht jammern: «Natürlich verdienen wir für unsere Arbeit zu wenig Geld. Ich hoffe aber, dass in ein paar Jahren die Bedingungen wieder besser werden.» Auch wenn Walter Leuthard nicht mit der Bundesrätin verwandt ist, findet er die Stiefelattacke daneben: «Das bringt nur Unruhe. Sonst nichts.»