Stevia
Stevia statt Coca – für eine gerechtere Welt

German Amba Tancara aus Bolivien gewährt exklusiv Einblick über eine sinnvolle Alternative zum Coca-Anbau. Ein bolivianischer Campesino reiste nach Gebenstorf. Dort wirkte der Bauer am Fastengottesdienst mit, lernte auf dem Bauernhof die heimische Landwirtschaft kennen und verriet ein süsses Geheimnis.

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El Campesino

El Campesino

Aargauer Zeitung

Tabea Baumgartner

Der bolivianische Kleinbauer ist warm eingepackt. Im verschneiten Gebenstorf ist es eisig kalt, während bei ihm zu Hause zwischen Regenwald und Hochland brütende Hitze herrscht. German Amba Tancara ist zum ersten Mal in Europa. Das Wochenende verbrachte er in Gebenstorf, wo er sich am ökumenischen Fastengottesdienst beteiligte und den biologisch-dynamischen Bauernhof «Geisshof» besichtigte. Der Landwirt Beat Müller wollte dem Bolivianer zeigen, wie die Landwirtschaft in der Schweiz funktioniert. «Wir haben den Stall besichtigt und ich habe ihm erklärt, wie wir je nach Jahreszeit unterschiedlich arbeiten müssen», erzählt Müller, denn Amba kennt nur Regen- und Trockenzeit. «Ich habe ihm gezeigt, dass ein einzelner Bauer auf den Einsatz von Maschinen angewiesen ist.» Das war neu für den Bolivianer: «Es ist interessant, dass die Landwirte hier so viele Maschinen haben. Damit können sie viel schneller arbeiten.» Der Austausch zwischen Landwirten sei wertvoll, sagt Müller. «Trotz den kulturellen und klimatischen Unterschieden bringen wir ein gegenseitiges Verständnis mit.»

Gegen den unfairen Handel

Im Fastengottesdienst musizierte ein lateinamerikanischer Chor aus Deutschland und am anschliessenden Suppenzmittag erzählte Amba von der Situation der Kleinbauern in seinem Dorf. Ein Übersetzer half bei der Verständigung, weil Amba Spanisch spricht. «Brot für alle», «Fastenopfer» und «Mission 21» haben ihn im Rahmen der ökumenischen Kampagne «Stoppt den unfairen Handel» für drei Wochen in die Schweiz eingeladen. «Dieses Land ist wunderschön. Es ist alles so ordentlich und gut organisiert. Der öffentliche Verkehr funktioniert super. In unseren Städten herrscht ein heilloses Durcheinander», sagt Amba.

Zwischen Regenwald und Hochland liegt das kleine Dorf von German Amba Tancara.In Santa Fé wachsen Bananen, Mais - und Stevia. Dieses wenig bekannte Süsskraut kann als Zuckerersatz dienen (siehe Kasten).

In ganz Bolivien wird Coca angebaut. Lange wurde es nur als Tee oder als Kaublätter verwendet. Seit der Rauschgifthandel in Bolivien Coca zur Herstellung von Kokain einkauft, sind manche Bauern auf die illegale Belieferung umgestiegen. Diese Entwicklung ist verheerend: «Coca zerstört den Boden und die Gesellschaft», bemerkt Amba.

Vor fünf Jahren verpflichtete er sich zusammen mit seiner Dorfgemeinschaft dazu, keinen Coca anzubauen. «Wir möchten unseren Beitrag zu gesunder Ernährung und zu einer gerechteren Welt leisten», sagt er. Dazu bauen sie Stevia an und möchten dieses zum Süssungsmittel-extrakt weiterverarbeiten. «Ich bin weder Mediziner noch Biologe, aber ich glaube, dass ein solcher Zuckerersatz bei Diabetes nützlich ist und Karies vorbeugen kann.» Für einen lohnenden Anbau von Stevia ist Fairtrade unabdingbar, wenn die Existenz der Bauern in Santa Fé langfristig ohne Coca-Anbau gesichert sein soll. «Jeder kann etwas dafür tun, dass die Welt ein wenig gerechter wird», sagt Amba. Einen Beitrag zur Weiterentwicklung des Stevia-Anbaus und deren Verarbeitung leisteten die Besucher des Fastengottesdienstes und des Suppenzmittag in Gebenstorf: Rund 2200 Franken Erlös kommen der Bauerngemeinschaft in Santa Fé zugute.