Stedtli vor dem Einschlafen bewahren

Die Stadt Liestal ist für den künftigen Stadtverwalter Christoph Rudin ein unbeschriebenes Blatt. Er ist froh darüber, denn so kann er sich der neuen Aufgabe mit der nötigen Neutralität stellen.

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bz Basellandschaftliche Zeitung

Alessandra Paone

Christoph Rudin

Der 49-Jährige machte 1989 seinen Hochschulabschluss in Nationalökonomie an der Uni Basel. Zudem absolvierte er den Lehrgang des St. Galler Management-Programms. Er ist verheiratet und wohnt seit neun Jahren in Böckten. Aufgewachsen ist Rudin in Riehen und Basel. In seiner Freizeit macht er Musik in einem Basler Blasmusikverein, liest gerne und geniesst
die Natur. Zu seinen Leidenschaften zählt unter anderem das Reisen. Sein Lieblings-Reiseziel ist Skandinavien. (ale)

Punkt 10.30 Uhr - wie vereinbart - steht Christoph Rudin vor dem Rathausgebäude in Liestal. Der künftige Stadtverwalter des Kantonshauptortes öffnet die Tür zu seinem neuen Büro und sagt entschuldigend: «Ich hoffe, die Schachteln stören Sie nicht, aber ich habe derzeit noch Ferien und bin deshalb nicht fertig eingerichtet.» Doch von Chaos ist an Rudins künftigem Arbeitsplatz weit und breit keine Spur.

Ordnung hat der 49-Jährige auch in seinem Leben. Nach fast 30-jähriger Tätigkeit bei den SBB, wo er zuletzt Leiter Sicherheit und Netzzugang bei SBB Cargo war, hat er eine kurze Verschnaufpause eingelegt und sich gefragt, wie das letzte Drittel seiner beruflichen Karriere aussehen soll. Zwei Möglichkeiten standen ihm offen: ein interner Wechsel oder eine neue Herausforderung in einem Dienstleistungsunternehmen. Das Stelleninserat der Stadt Liestal erfüllte Rudins Vorstellungen einer interessanten und vielseitigen Aufgabe. So hat er sich für die Stelle als Stadtverwalter beworben und sie bekommen.

Am Montag tritt der Volks- und Betriebsökonom offiziell in die Fussstapfen von Roland Plattner, der Anfang März zur Baselbieter Bildungs-, Kultur- und Sportdirektion wechselte. Er freut sich auf die neue Aufgabe, welcher er nicht ängstlich, aber doch mit Respekt entgegenblickt. Angst sei für einen solchen Posten eh die falsche Voraussetzung, bemerkt der angehende Verwaltungschef. Man müsse sich eben vor Augen halten, dass Rom auch nicht an einem Tag erbaut wurde.

Bisher hatte Rudin wenig bis keinen Bezug zum Stedtli. «Liestal ist für mich ein unbeschriebenes Blatt», bemerkt der gebürtige Ziefner. Dies sei aber gut, denn so könne er sich unbelastet und mit der gebotenen Neutralität, die als Stadtverwalter nötig ist, der neuen Aufgabe stellen. Gut sei ausserdem, dass er nicht in Liestal wohne und somit nicht Teil des Gemeindewesens sei. «Dies gibt mir die Möglichkeit, die jeweilige Situation von aussen zu betrachten.» Auch will sich der ehemalige SBB-Mitarbeiter nicht von Gerüchten beeinflussen lassen. Es sei ihm bereits das Eine oder Andere zu Ohr gekommen, doch er habe sich gehütet, sich dazu zu äussern. «Ich will mir ein eigenes Bild machen.»

Neutral ist Rudin auch auf politischer Ebene. Denn: Eine Parteizugehörigkeit könne zu Konflikten mit dem Stadt- wie auch dem Einwohnerrat führen, weiss er. Vielmehr sei Sachpolitik wichtig. Der künftige Stadthalter sieht sich selbst auch als Wechselwähler. «Mich müssen in erster Linie die Person und die von ihr vertretenen Themen überzeugen.»

Von der Zusammenarbeit mit dem Stadtrat erhofft sich Christoph Rudin, dass er sich mit den einzelnen Mitgliedern auf sachlicher Ebene findet - zum Wohle der Stadt. «Wichtig ist, dass wir unsere Erwartungen aufeinander abgleichen.» Der erste Eindruck, den er von der Stadtregierung gewonnen habe, sei gut. Doch zuerst einmal muss sich Christoph Rudin in die laufenden Geschäfte einarbeiten. Hier würden alle gefordert sein - er selbst, die fünf Stadträte und Martin Hofer, der während der letzten fünf Monate unter anderem als Stadtverwalter tätig war. Reissen alle Stricke, kann sich Rudin auch an den ehemaligen Stadtverwalter Roland Plattner wenden, der ihm seine Hilfe angeboten hat.

STÄRKEN UND SCHWÄCHEN

Christoph Rudin bezeichnet sich als offener, direkter und konstruktiver Mensch - kurz: als Teamplayer. Sein Motto: «Gemeinsam sind wir stark.»
An seiner Geduld möchte er hingegen noch etwas arbeiten. Diese lasse noch zu wünschen übrig. Auch dürfte seine Gelassenheit ein bisschen ausgeprägter sein. (ALE)

Über seine Ziele kann er noch nichts sagen - zumindest inhaltlich nicht. Mit Sicherheit weiss er: «Ich will meinem Team gegenüber ein guter Chef sein.» Ansonsten ist ihm wichtig, dass die Stadt Liestal als Zentrum ihre Zukunft hat. Auch ihm wäre es ein Gräuel, würde das Stedtli zu einem «Schlaf-Stedtli» mutieren. Doch für die Förderung des Gewerbes sei das Gewerbe selbst verantwortlich. Die Behörden könnten höchstens die Rahmenbedingungen schaffen und dafür wolle er sich auch einsetzen.

Bestimmte Vorstellungen hat Rudin aber jetzt schon. So könnte mit einer Begegnungszone und einem vielseitigen Dienstleistungsangebot die Attraktivität des Stedtli sicher erhöht werden. Zum Parkplatzproblem - ein Dauerthema in Liestal - meint er: «Die Parkplatz-Diskussion ist mit vielen Emotionen verbunden und unzufriedene Geister wird es immer geben.»

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