Grosses Interview
Starmoderatorin Anne Will: «Die vollverschleierte Nora Illi war nicht effekthascherisch»

Wenn Angela Merkel über Politik reden will, geht die Kanzlerin zu ihr: Anne Will (51) ist Deutschlands Polit-Moderatorin Nr. 1. Sie spricht über genervte Staatschefs, Angriffe wegen ihrer Homosexualität und verrät, warum sie streitbare Schweizer einlädt.

Yannick Nock und Patrik Müller, Düsseldorf
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Talkmasterin Anne Will empfing die Schweizerin Nora Illi im November 2016 in ihrer Sendung. Danach sah sie sich mit einem Sturm der Entrüstung konfrontiert.

Talkmasterin Anne Will empfing die Schweizerin Nora Illi im November 2016 in ihrer Sendung. Danach sah sie sich mit einem Sturm der Entrüstung konfrontiert.

KEYSTONE/APA/WOLFGANG BORRS

Sie kommt nur ein paar Minuten zu spät, entschuldigt sich aber sofort samt strahlendem Lächeln und festem Händedruck. TV-Journalistin Anne Will trifft die «Schweiz am Wochenende» im Restaurant eines Fünfstern-Hotels in Düsseldorf. Ihre Lebensgefährtin, die Publizistin Miriam Meckel, lebt in der Stadt, weshalb Will oft Zeit hier verbringt. Ihre Sendung wird in Berlin aufgezeichnet. Bei einem Latte Macchiato schwärmt sie über das Schweizer Staatsverständnis, verteidigt den umstrittenen Auftritt der vollverschleierten Nora Illi und spricht über ein mögliches Interview mit Donald Trump.

Frau Will, in der abgelaufenen TV-Saison sorgte ausgerechnet eine Schweizerin für die höchste Einschaltquote. Über fünf Millionen Menschen verfolgten den Auftritt der vollverschleierten Muslimin Nora Illi. Gibt es heute gute Quoten nur noch durch Provokation?

Anne Will: Nein, überhaupt nicht. In der Bilanz ist das Einzelinterview mit Angela Merkel nicht aufgeführt. Diese Sendung war mit sechs Millionen Zuschauern die meistgesehene. Und mit Provokation hatte das Gespräch nichts zu tun.

Trotzdem laden Sie oft Menschen mit Extrempositionen ein.

Das sehe ich anders. Wenn Sie über Donald Trump, den Brexit oder Erdogans Verfassungsreferendum diskutieren, sind das ohnehin schon stark aufgeladene, emotionale Themen. Unsere Erfahrung ist: Die besten Sendungen gelingen dann, wenn Sie nüchtern an die Sache rangehen, mit Gästen, die differenziert und sachlich argumentieren.

Die Schweizer Exponenten in Ihrer Runde passen nicht in dieses Schema: Roger Köppel, Nora Illi und Christoph Mörgeli provozieren gern Konflikte.

Roger Köppel haben wir seit Jahren nicht mehr eingeladen. Und in der Sendung zur sogenannten Masseneinwanderungsinitiative der SVP war neben Christoph Mörgeli auch Markus Spillmann zu Gast, der damalige Chefredaktor der NZZ. Also ein klassischer Aufbau einer Talkrunde mit Vertretern beider Seiten. Mir ist schon klar, dass es gemässigt denkende Schweizer gibt.

Haben sich Schweizer Zuschauer bei Ihnen beschwert?

Gelegentlich bin ich in der Schweiz gefragt worden: «Findet ihr denn keine anderen als Mörgeli oder Köppel?» Ich kann die Bedenken verstehen und wir beachten sie bei der Gästeauswahl.

Wie sieht der ideale Gast aus?

Die Person muss eine klare Position haben. Sie muss in der Lage sein, differenziert zu argumentieren, sich in einen Streit um das bessere Argument zu begeben und auch mal ein Argument der Gegenseite gelten zu lassen. Es ist nicht immer einfach, in einer Talkshow die Runde ideal zusammenzustellen. Wir verzichten aber darauf, gezielt Provokateure einzuladen, das ist uns zu effekthascherisch.

Die vollverschleierte Nora Illi war sehr effekthascherisch.

Nein, Frau Illi haben wir bewusst ausgewählt. Es ist wichtig, die Sendung im Kontext des gesamten Abends zu sehen: Das war ein Themenabend der ARD, vor unserer Runde lief ein «Tatort», der von der Radikalisierung einer jungen Frau handelte. Dieses Thema wollten wir aufgreifen und bestmöglich abbilden. Nora Illi ist eine Frau, die konvertiert ist, die sich radikalisiert hat und eine extreme Form ihres Glaubens lebt. Deshalb passte sie in die Sendung. Ich bin der Ansicht, Themen wie die Radikalisierung junger Menschen zu diskutieren, hat einen Wert für die Gesellschaft. Unsere Aufgabe ist es nicht, das Publikum vor der Wirklichkeit zu schützen.

Welchen Wert messen Sie einer politischen Talkrunde in Krisenzeiten bei?

Es gibt ein riesiges Bedürfnis nach Einordnung und ein Bedürfnis, sich eine Haltung zu politischen Fragen zu bilden. Den Zuschauern geht es darum, zu verstehen, warum eine knappe Mehrheit zum Beispiel den Brexit will oder jetzt eben vielleicht nicht mehr will. Es sind politisch aufwühlende Zeiten und damit gute Zeiten für Journalisten.

Im aktuellen Umfeld haben Satire-Sendungen Hochkonjunktur. Laufen sie den klassischen Formaten den Rang ab?

Das glaube ich nicht. Unsere Sendung wird sehr gut gesehen, mit steigender Tendenz. Natürlich laufen die Satire-Formate in den USA alle gut, aber auch die hochseriöse «New York Times» hat ihre Abozahlen deutlich steigern können, Donald Trump sei Dank. Man nimmt Anteil an dem, was sich politisch tut. Das ist wichtig für eine Demokratie.

Dabei heisst es, die Medien hätten an Glaubwürdigkeit verloren.

Das bezweifle ich. Gerade das öffentlich-rechtliche Fernsehen geniesst gemäss Umfragen eine hohe Glaubwürdigkeit. Ich selbst verwende Begriffe wie «Fake News» nicht, weil ich mir damit die Agenda von Menschen zu eigen machen würde, die unser Tun untergraben wollen, die auch andere demokratische Institutionen ankratzen und zerstören wollen.

Die Kanzlerin kommt oft in Ihre Sendung, wenn sie was Wichtiges zu sagen hat. Schmeichelt es Ihnen, wenn Angela Merkel Sie auswählt, um über ihre Politik zu sprechen?

Es freut mich, weil ich weiss, dass Sendungen mit ihr auf grosses Interesse stossen. Das ist natürlich klasse. Ich mache mir aber keine Illusionen – die Kanzlerin sucht sich die Sendung mit der potenziell grössten Reichweite aus.

Haben Sie sich im Gespräch mit ihr zurückgehalten?

Im Gegenteil. Ein Eins-zu-eins-Interview gibt mir die Gelegenheit, besonders präzise zu fragen und hartnäckig nachzuhaken. Spitzenpolitiker wie Angela Merkel kann man so am besten aus der Reserve locken. Höfliche Zurückhaltung ist hier fehl am Platze – sonst verliert das Gespräch an Spannung. Dann besser mit voller Wucht rein. Ich verbiete mir allerdings Polemik und blöde Provokationen.

Wie ist die Kanzlerin, wenn die Kameras ausgeschaltet sind?

Sie kommt meist sehr knapp vorher und geht dann auch gleich wieder. Raum für persönliche Worte gibt es daher wenig. Aber ich empfinde sie hinter der Kamera wie vor der Kamera: unprätentiös – und bemerkenswert unverändert für eine Person, die fast zwölf Jahre im Amt ist.

Gab es Vorgaben für das Interview?

Nein, genauso wenig wie bei anderen Gesprächspartnern.

Einen Solo-Auftritt bei Anne Will bekommen die wenigsten – Angela Merkel allerdings schon. Gleich zweimal sprach die Kanzlerin bei Anne Will über die Flüchtlingskrise, 2015 (Bild) und 2016. Beide Sendungen waren mit sechs Millionen Zuschauern ein Quotenhit.

Einen Solo-Auftritt bei Anne Will bekommen die wenigsten – Angela Merkel allerdings schon. Gleich zweimal sprach die Kanzlerin bei Anne Will über die Flüchtlingskrise, 2015 (Bild) und 2016. Beide Sendungen waren mit sechs Millionen Zuschauern ein Quotenhit.

Keystone

Die Kanzlerin ausgenommen: In Ihrer Sendung sind noch immer deutlich mehr Männer zu Gast als Frauen. Warum gelingt es Ihnen nicht, mehr Frauen in die Runde zu holen.

Zum einen gibt es bei den Funktionsträgern noch immer ein klares Übermass an Männern. Das andere Problem ist, dass Frauen sehr oft mit der Begründung absagen: «Ach, da finden Sie doch sicherlich noch jemand Besseren als mich.» Das finde ich zwar auf eine Art sympathisch, aber grundsätzlich ist es schade. Ich hätte gerne mehr Frauen in der Sendung.

Haben Männer ein grösseres Geltungsbedürfnis?

Das haben jetzt Sie gesagt (lacht). Aber ja, ich glaube, das ist so.

Mussten Sie härter arbeiten als ein Mann, um das Aushängeschild der ARD zu werden?

Das denke ich nicht. Es gab sicher eine Phase, in der ich unter schärferer Beobachtung stand als ein Mann. Ich war die erste Moderatorin der «Sportschau». Das ist ein Feld, in dem ich mir keinen Versprecher leisten konnte, weil es mir als mangelnde Kompetenz ausgelegt worden wäre. Dort war es als Frau schwieriger, zu bestehen. Danach kam ich aber in Jobs, in denen andere Frauen bereits die Pionierarbeit geleistet hatten. Die Talkshow habe ich ja von Sabine Christiansen übernommen.

Anne Will: Aushängeschild der ARD

Sie ist eines der bekanntesten Fernsehgesichter Deutschlands: Anne Will (51) hat die «Sportschau» moderiert, die «Tagesthemen» und diskutiert seit zehn Jahren in ihrer gleichnamigen Talkshow die Lage der Nation. Nach eigenen Angaben hat sie schon mehrere tausend Interviews geführt.

Anne Will wurde 1966 in Köln geboren. Sie studierte Geschichte, Politologie und Anglistik in Köln und Berlin. Als erste Frau moderierte sie 1999 die ARD-«Sportschau», danach bis 2007 die «Tagesthemen». Ihre Talksendung «Anne Will» feierte im September 2007 Premiere und lief bis 2011 Sonntagabend. Dann der Affront: Die ARD nahm ihr den Sendeplatz weg und gab ihn Günther Jauch, der seine eigene Talkrunde startete. Allerdings nicht mit dem gewünschten Erfolg. 2016 kehrte sie zurück. Will wurde 2006 mit dem Deutschen Fernsehpreis für die «Beste Moderation Information» und 2007 als «Fernsehjournalistin des Jahres » ausgezeichnet.

Über ihr Privatleben gibt sie wenig preis. 2007 machte Will ihre Partnerschaft mit der Kommunikationswissenschafterin Miriam Meckel, Herausgeberin der «Wirtschaftswoche» und Professorin an der Universität St. Gallen, öffentlich. Das Paar lebt in Düsseldorf und Berlin.

Versuchen Politiker manchmal, sich selber einzuladen?

Nein, es ist eher eine Herausforderung, alle gewünschten Gäste zu bekommen, weil es terminlich oft knapp ist.

Schauen Sie sich Schweizer Sendungen an?

Nein, ehrlich gesagt so gut wie nie.

Kennen Sie die Polit-Runde«Arena»?

Leider nicht. Die «Sternstunde Philosophie» hingegen schon, das ist ein schönes Format.

Was fällt Ihnen an der Schweiz politisch auf?

Was ich immer grossartig an den Schweizern finde, ist ihr Staatsverständnis. Das ist bewundernswert. In der sorgsamen Vorbereitung auf Volksabstimmungen drückt sich aus, dass die Schweizer den Staat nicht als entfremdet betrachten. Diese Haltung täte auch uns Deutschen gut. Mehr Beteiligung, mehr gesellschaftliches Engagement. Es ist ein Fehler, wenn wir immer von «dem Staat» sprechen, als seien wir nicht selbst der Staat, als hätten wir nicht die Möglichkeit, ihn in unserem Sinne zu gestalten.

Sind Schweizer Politiker konsensbedürftiger als Deutsche?

Das kann ich im Einzelnen nicht beurteilen, aber das Konkordanzsystem der Schweiz deutet darauf hin. Und auch im Journalismus gibt es natürlich ganz unterschiedliche Kulturen.

Zum Beispiel der englische Boulevard, der deutlich aggressiver ist.

Genau. Der ist im angelsächsischen Raum knallhart, auch was Interviews angeht. Das geht bei uns in Deutschland so nicht. 2005 habe ich für die «Tagesthemen» den damaligen Kanzler Gerhard Schröder in Washington interviewt. Ich bin ihn hart angegangen. In England wäre das problemlos durchgegangen. Aber aus Deutschland habe ich sehr viel Post bekommen. Die eine Hälfte fand es gut, die andere hat sich aufgeregt und meinte: «So können Sie nicht mit einem Bundeskanzler sprechen.»

Was haben Sie gemacht?

Nichts Schlimmes, ich habe nur drei, vier Mal auf die Beantwortung meiner Frage gepocht. Ich nenne das die Schraubstockvariante. Ich poche so lange auf die Beantwortung, bis jedem klar ist, dass die Person die Frage nicht beantworten will, um dann zu fragen, warum sie keine Antwort gibt.

Wie hat Schröder reagiert?

Er war irgendwann genervt. Schröder sagte etwas, was man selten von Spitzenpolitikern hört: «Bitte Frau Will, so war das nicht abgesprochen.» Ich erwiderte: «Wir haben gar nichts abgesprochen.» Er bezog sich allerdings auf die gängige Praxis, dass ein Bundeskanzler im Ausland nicht zur Innenpolitik befragt wird. Das kann ich nachvollziehen, aber er war nur 24 Stunden in Washington und die Vertrauensfrage zur Auflösung des Bundestages zeichnete sich ab, darum fand ich meine Fragen gerechtfertigt.

Müssen Sie immer neutral bleiben?

Nein, wenn sich Gäste beleidigen, gehe ich natürlich dazwischen. Auch wenn ich angegriffen werde, bleibe ich nicht neutral.

Es gab den Fall des Essener Erzbischofs Franz-Josef Overbeck, der in Ihrer Sendung verkündete, dass Homosexualität eine Sünde sei. Sie selbst sind mit einer Frau zusammen.

Er sagte das in meine Richtung. Ich glaube, er wollte mich provozieren – ich habe mich aber entschieden, nicht über das Stöckchen zu springen. Auch weil ich sah, dass mir alle anderen in der Runde beisprangen. Die haben dann Overbeck ordentlich Kontra gegeben. Trotzdem war ich natürlich kurz versucht, etwas zu sagen.

Nämlich?

«Ach so, aber mein Geld nehmen Sie gerne.» Ich bin ja zahlendes Mitglied der katholischen Kirche. Aber gut, vielleicht wäre es billig gewesen und vielleicht auch ein bisschen patzig. Aber ich gebe zu, dass das in mir gearbeitet hat. Er hat sich mittlerweile entschuldigt.

Welchen Gast wünschen Sie sich noch?

Gerne Gerhard Schröder. Ich hoffe, dass er bald mal zu uns kommt. Er ist ein rhetorischer Grossmeister und ein politisches Tier, wie wir hier sagen. Schröder hat dadurch, dass er Bundeskanzler war und heute noch einflussreich ist, einen Blick auf die Welt wie kaum ein anderer. Und es macht einfach Spass mit ihm, er hat den Schalk im Nacken.»

Wie sieht es mit Donald Trump aus?

Wir versuchen natürlich Herrn Trump zu bekommen, wenn er im Juli zum G-20-Gipfel nach Hamburg reist. Nur haben Sie sicher auch mitbekommen, dass er auf seiner 9-tägigen Auslandsreise nicht eine einzige Pressekonferenz gegeben hat. Sein Demokratieverständnis ist mehr als fragwürdig und sein Verhältnis zu den Medien total gestört. Deshalb mache ich mir keine Illusionen, dass Trump bei uns eine Ausnahme macht und sagt: «Ach, zur Frau Will gehe ich jetzt aber.»

Was würden Sie ihn fragen?

Ob er sie noch alle hat (lacht). Nein, ernsthaft: Ich würde ihn fragen, ob ihm wirklich klar ist, was er tut.