Lenzburg
Starke Männer am Berg

Leicht von der Rathausgasse aus zu beobachten, sanieren Fachleute am Lenzburger Schlosshang die Trockenmauern. Da ist alles im Spiel: tonnenschwere Steine, Schwerarbeit, Fachwissen, Kunst, Sicherheit, aber auch Kameradschaft und Humor.

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Alfred Gassmann

Die starken Männer am Berg, die am Lenzburger Schlosshang die Trockenmauern sanieren, haben ihre Arbeit wieder aufgenommen. Als sie vor Weihnachten die Baustelle einwinterten, wussten sie nicht, dass es die Witterung erst am 1. März wieder ermöglichen würde, die Arbeit fortzusetzen. Fachmännisch wurden am Freitag, den 18. Dezember, die Zugänge abgesperrt, die Trockenmauern und die Steinlager auf den Arbeitspodesten abgedeckt und die weissen und grünen Blachen solide befestigt. Nun bauen, pickeln und schaufeln sie wieder, entfernen Sträucher und Wurzeln, nageln Podeste, suchen passende Steine, legen sie gekonnt aufeinander und richten sie. Bei starkem Schneefall lässt sich nur bedingt arbeiten. Equipenchef Oliver Krach sowie Jörg Lötscher und Simon Winzenried müssen die Oberfläche des unteren Steines erkennen können. Alle Steine müssen satt aufeinander liegen. An diesem Punkt beginnt die Kunst, denn Trockenmauern kommen ohne Mörtel aus.

Sicherheit an erster Stelle
Derzeit herrscht wieder Kälte und eine steife Bise bläst am Berg. Da kommt der Baustellenwagen gerade recht für die Pausen: Zum Aufwärmen beim Znüni oder um auf dem Rechaud ein warmes Mittagessen zu kochen und auch um Gemeinschaft zu pflegen. Verbunden mit viel Humor. Denn die tolle Truppe kennt sich von anderen Projekten und ist sich seit Sanierungsbeginn am 12. Oktober letzten Jahres erneut näher gekommen. Diese Kameradschaft bildet denn auch den Grundstein für die erfolgreiche Arbeit am Berg. Die in warme Kleider gepackten Bauleute verfügen am Hang ausser dem Arbeitspodest über keine ebene Fläche. Das Gelände ist steil und der Boden glitschig. Talseitige Bretterwände entlang der Arbeitspodeste verhindern, dass sich die abgetragenen Steine frei machen können. Schutznetze sind Pflicht. Unterhalb jeder zu sanierenden Trockenmauer befinden sich bewohnte Häuser. Verlangt werden SUVA-Vorschriften auch bei den Ausrüstungen. Die Bauleute tragen Handschuhe, Stahlkappenschuhe, Schutzbrillen beim Spitzen und achten auf den Rücken beim Steine heben. Auch starke Männer ermüden. Wenn sie am Abend ins Bett sinken, brauchen sie übereinstimmend acht Stunden Schlaf. Träume gehören wohl dazu, vielleicht von den bereits sanierten Mauern, die sich so vorteilhaft in den Hang einfügen.

Wieder Reben am Schlosshang?
Jörg Lötscher ist ausgebildeter Landschaftsgärtner. Doch nach und nach entdeckte er eine Vorliebe für Trockenmauern. Er erachtet die Arbeit am historischen Lenzburger Schlosshang als eine Ehre und zeigt sich dankbar, mithelfen zu dürfen die Mauern zu sanieren. Im Fachbereich Trockenmauernbau kann keine anerkannte Lehre im Sinne des eidg. Berufsbildungsgesetzes absolviert werden. Der Grund ist einfach: Die Nachfrage ist zu wenig gross. Da überrascht auch nicht, dass die Wohnorte der Männer am Berg weit auseinander liegen. Unterstützt wird die Handarbeit der Fachleute zeitweise von einem Bagger und von einem Helikopter. Die Trockenmauern am Schlosshang wurden einst von Bauern angelegt. Mit der Sanierung müssen die Mauern dicker gebaut und besser fundiert werden. Diese Tatsache erfordert zusätzliche Steine, die in Depots des Stadtbauamtes verfügbar sind. Die veranschlagten Kosten werden daher etwas überschritten. «Die erste der zwei Prioritäten sollte Ende April abgeschlossen sein, hofft Bauleiter Gerhard Stoll. Jahrelang wurden die bestehenden Mauern nicht kontrolliert, ja sogar vernachlässigt.
Dies soll sich nun ändern. Es drängt sich eine systematische Überwachung der Mauern auf. Werden gemachte Überlegungen umgesetzt, könnten auf einem Teil des Schlosshanges einst wieder Reben wachsen. Kein Novum, denn bis 1920 diente der Hang teilweise dem Rebbau. Besteht Grund zur Vorfreude? Kann nach genau 100 Jahren wieder mit Lenzburger Schlosswein angestossen werden?

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