Stadtsicht aus 1,20 Metern Höhe

Das Projekt Kinderfreundliche Stadtentwicklung soll Basel für Kinder lebenswerter machen.

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bz Basellandschaftliche Zeitung

Toprak Yerguz

Wer als Erwachsener am Zebrastreifen in die Knie geht und versucht, einen Überblick über die Verkehrslage zu kriegen, wird Mühe haben, über parkierte Autos hinüberzusehen. Genau so sehen aber Kinder ihre Umgebung. «Auf Augenhöhe 1,20 m», wie sich das Projekt Kinderfreundliche Stadtentwicklung als Leitfaden gegeben hat, sieht die Stadt ganz anders aus: Wo ein Erwachsener von normaler Statur im Stadtalltag kein Problem zu erkennen vermag, kann von Kindern Gefahr empfunden werden.

In der Stadt stossen viele unterschiedliche Interessensgruppen aufeiander, und erheben Anspruch auf den knapp verfügbaren Raum. Kinder haben oft das Nachsehen. «Da Kind und Stadt als Gegensatzpaar wahrgenommen werden, wurde der Lebensraum von Kindern in Basel untersucht», sagt Sebastian Olloz, Projektleiter Kinderfreundliche Stadtentwicklung im Präsidialdepartement. Auf Grund der Ergebnisse wird ein Leitfaden für eine kinderfreundliche Stadtentwicklung erarbeitet.

Kein Bezug zum Unicef-Label

Das Projekt «Kinderfreundliche Stadtentwicklung» ist nicht vergleichbar mit dem Unicef-Label «Kinderfreundliche Gemeinde», wie es von der Gemeinde Reinach angestrebt wird (bz vom 30. Juli.). Die Anforderungen für das Label umfassen mehr Bereiche als das Projekt des Kantons, wie etwa Bildung oder Mitbestimmung. Das Projekt hingegen befasst sich vor allem mit Fragen der Nutzung des öffentlichen Raums. Das Unicef-Label ist indes auch in der Stadt ein Thema. EVP-Grossrätin Annemarie Pfeifer hat diesbezüglich vor anderthalb Jahren einen Anzug eingereicht. Marc Flückiger, Leiter Jugend- und Familienförderung, möchte dazu noch keine Stellung nehmen, da das Geschäft hängig ist. Die Antwort des Regierungsrats soll bald dem Grossen Rat überwiesen werden. (ty)

Eine Erkenntnis ist, dass Kinder unter «Verinselungen» zu leiden haben: «Sie sind auf dem Spielplatz oder in der Krippe untergebracht. Nur wenige Kinder sind im unmittelbaren Wohnumfeld am spielen, weil die Orte unsicher sind. Die spontanen Spielmöglichkeiten in der Stadt nehmen ab.» Der Leitfaden zielt deshalb darauf, die Lebensqualität für die Kinder in der Stadt zu erhöhen.

Gegen die Stadtflucht

«Wenn sich Kinder in der Stadt wohl fühlen, dann fühlen sich auch die Eltern wohl. Deshalb ist die Lebensqualität für Kinder in der Stadt ein zukunftweisendes Thema für die Stadtentwicklung», sagt Olloz. Es gebe jedoch immer weniger Kinder in Basel, weil die Stadt von den Eltern als ungeeignetes Umfeld für das Aufwachsen angesehen werde. Aber nicht nur die Stadtflucht beschäftigt die Basler Behörden. Es sind auch andere Folgen, wie die zunehmende Fettleibigkeit unter Kindern und Jugendlichen, die unter anderem auf eine kinderfeindliche Umgebung zurückzuführen sind.

Als Beispiel für eine solche Umgebung nennt Olloz das St. Johanns-Tor, dessen Beleuchtung von Kindern als bedrohlich empfunden wird. Zudem lagen Bierflaschen herum und es roch nach Urin. Die Konsequenz: Kinder meiden den Ort. «Es geht um Sicherheit, aber auch um Gesundheit und Sauberkeit», erklärt er. Je weniger Orte den Kindern behagen, umso weniger hielten sie sich im Freien auf.

Gemeinsame Strategien

Seinen Ursprung hat das Projekt Kinderfreundliche Stadtentwicklung in einer Befragung, die 2006 im St. Johann-Quartier durchgeführt wurde. 500 Kinder haben damals über ihr Wohlbefinden in der Stadt Auskunft gegeben und ihre ganz eigenen Problemzonen im urbanen Umfeld genannt. «Wir haben damals gemerkt, dass die angesprochenen Themen nicht nur das Quartier, sondern die ganze Stadt betreffen», erklärt Olloz. Daraus sei das Projekt entstanden. Die Kantons- und Stadtentwicklung übernimmt dabei die Koordination der Tätigkeiten zahlreicher Amtsstellen verschiedener Departemente und privater Organisationen wie dem Kinderbüro. Zusammen sollen Strategien erarbeitet, wie auf bisher nicht erkannte Bedürfnisse der Kinder reagiert werden kann. Olloz beschreibt, dass durch die Zusammenarbeit mit den verschiedenen Fachpersonen bereits eine Sensibilisierung stattgefunden hat: «Die Arbeit am Projekt hat dazu geführt, dass die Erkenntnisse bereits in das Verwaltungshandeln eingeflossen sind.» Gegen Ende Jahr soll der Leitfaden für eine kinderfreundliche Stadtentwicklung vorgestellt werden.