Stadt wird noch urbaner und industrieller

Sucht nach Freiräumen: Andreas Bandi wünscht sich eine einfache und pragmatische Neufassung des Bundesrechts. (Maddalena Tomazzoli Huber)

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Sucht nach Freiräumen: Andreas Bandi wünscht sich eine einfache und pragmatische Neufassung des Bundesrechts. (Maddalena Tomazzoli Huber)

«Wo ist der rote Faden?», fragt Andreas Bandi, wenn er das Schaffen kantonaler und nationaler Politiker betrachtet. Für den ehemaligen SVP-Stadtratspräsidenten findet sich in der Gemeindepolitik «die einzig wahre Politik».

Martina Schlapbach

Die systematische Sammlung des Bundesrechts füllt das Wandgestell, dem Andreas Bandi von seinem Stuhl aus den Rücken kehrt. Leerstellen finden sich in den Regalen keine, und so sind es denn auch Freiräume, nach denen der Sitzende in seinen Betrachtungen der heutigen Gesellschaft vergebens Ausschau hält. Gesetze, Regelungen, Beschränkungen, Verbote - welches Tabu ist nicht aufgebrochen?, erkundigen sich die Worte des Juristen; welcher gesellschaftliche Bereich vom Staat noch unbeschritten?

Die einzig wahre Politik

Der Sprechende legt die von ihm empfundenen Missstände offen und formuliert - ebenso interrogativ - gleichsam Vorschläge zum Beheben der misslichen Lage: «Warum nicht zwanzig schlaue Köpfe in Bern einsperren und das gesamte Gesetzesregelwerk neu schreiben lassen?», fragt Bandi, um das geforderte «Neue» kurzum mit den Attributen «pragmatisch» und «einfach» zu ergänzen. Schliesslich tut er sein Prinzip einer an den Wurzeln der Probleme ansetzenden Lösungsfindung kund.

Konträre Meinungen einander gegenüberzustellen und gemeinsame Lösungen zu finden, diese Aufgaben übt Andreas Bandi in seinem Beruf als Rechtsanwalt und Notar tagtäglich aus und dieser Pflicht sah er sich auch in seinem einstigen Amt als Gemeindepolitiker verbunden. In seiner Argumentation unterstreicht der 58-Jährige indes die Einstigkeit letzterer Tätigkeit; der Blick in die Vergangenheit gewinne erst Bedeutung durch seinen Bezug auf die Gegenwart.

Diese Gegenwart zeichnet der Vertreter einer eigens zugeschriebenen «bürgerlichen Optik» zweigeteilt: eine in Gesetzestexten ausufernde, die Selbstverantwortung des Bürgers ignorierende Gesellschaft hier; ein zunehmend von Offenheit und Urbanität durchsetztes Gemeinwohl da. Bezieht der Langenthaler sein Bild auf die politische Ebene, deckt sich seine Zweiteilung mit der Anordnung von Bund und Kantonen auf der einen, den Gemeinden auf der anderen Seite. Die dahinter stehende Überzeugung tritt im postulierten Wahrheitsanspruch wortwörtlich hervor: «Gemeindepolitik ist für mich die einzig wahre Politik.»

Die Konsequenzen direkt spüren

Während sich die nationalen und kantonalen Politiker in für das Gemeinwesen irrelevanten Nichtigkeiten verlieren und diese mit medialer Unterstützung zu überdimensionalen Wichtigkeiten aufblasen würden, - Prozesse, die den Sprechenden mit der roten Krawatte nach dem roten Faden fragen lassen -, erachtet Bandi die kommunale Ebene von diesen Missständen unberührt. «In den Gemeinden agieren die Politiker nach den Bedürfnissen der Bevölkerung und erhalten die Konsequenzen ihrer Entscheide direkt vor Augen geführt»; ein Graben zwischen Volk und Politelite existiere hier nicht.

Gerade in Anbetracht der Kommunalpolitik nähren sich die auf die Gegenwart ausgerichteten Argumentationen mit den dahinterstehenden Erfahrungswelten, sprich der Vergangenheit des Sprechenden als Stadtrat. Exemplarisch verweist Bandi auf die von ihm in den 1990er Jahren mitgetragene Einführung der Parkplatzgebühren, «die mich die Quittung der Bevölkerung unausweichlich erfahren liess». Den eigenen Standpunkt darlegen und sich - unter der wechselseitigen Bereitschaft des Entgegenkommens - andere Meinungen anhören, sei dabei im Umgang mit der Wählerschaft genauso gefragt gewesen wie im Gespräch mit politischen Kollegen in Stadtratsitzungen, erläutert der Vater dreier Kinder.

Offenheit und Fortschritt

Die mögliche Folgen dieser offenen Konfliktkultur illustriert Bandi mit einem weiteren Beispiel: Entgegen seinem Willen wurde 1991, dem Jahre seines Stadtratspräsidiums, unter der Initiative des damals aktiven rot-grünen Forums Langenthal die Notschlafstelle errichtet.

Obwohl Bandi diese Einrichtung noch heute als eine «Investition in eine unnötig dauernde Institutionalisierung» ansieht, betont er zugleich die persönliche Horizontöffnung, zu der ihm sein politisches Engagement rückblickend verholfen habe. Diese Offenheit schreibt er, der passionierte Städtereisende, gleichermassen seiner selbst erklärten «Lieblingsstadt» Langenthal zu: Als der in einer mittelständischen Gewerbefamilie Aufgewachsene 1982 von Neuhausen am Rheinfall an seinen bis heute gleichgebliebenen Wohnort wechselte, zog er in ein Dorf; «heute ist Langenthal trotz des beibehaltenen ländlichen Charmes städtisch und offener».

Wie Bandi in diesem Spiegel der Zeiten Langenthal - Unterschiede betreffend der politischen Ebenen hin oder her - stolz als Spiegel der gesamtschweizerischen Nachkriegsentwicklung hinstellt, scheut er auch den Blick in die Zukunft nicht: Auf ein noch urbaneres und industrielleres Langenthal wünscht er sich in einem Vierteljahrhundert zu stossen. Seine Vision eines schmäleren überarbeiteten Gesetzeskorpus ordnet er zwar der Realität des «endlosen und daher stets erneut spannenden Prozesses zwischen kollektiver Pflichtensetzung und individueller Freiheitswahrung» unter; als nicht visionär hofft er dagegen die Sanierung des Stadttheaters zu bezeichnen - «den Zeitraum von 25 Jahren wohl eingeschränkt».

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