Spräggele

„Spräggele“: Der Wandel eines alten Brauchs

Spräggele

Spräggele

Jeweils am zweiten Dezember-Freitag findet in Ottenbach die „Spräggele“ statt, ein alter Volksbrauch, von dem niemand genau weiss, worauf er zurück zu führen ist. Männer mit „Schnabelgeissen“ rennen klappernd durchs Dorf, besuchen die Wirtschaften. Ergänzt wird der Anlass von einem kleinen Markt auf dem Dorfplatz. Eine Handschrift von 1797 gibt Aufschluss über den Ursprung des Brauchs.

Bernhard Schneider

Auf der Homepage der Gemeinde Ottenbach wird der Dorfbrauch wie folgt beschrieben: „Der Brauch der Spräggelen ist eine der zahlreichen Formen, unter denen in unseren Landgegenden die dramatischen Personifikationen der Geister der Toten überkommen sind, die zur Zeit der Wintersonnenwende in den Häusern, Fluren oder gar in der Luft umherstrichen und die entweder günstig gestimmt oder vertrieben werden mussten.

Diese Personifikationen finden ihre epische Form in den Legenden über das ‚Wuetisheer‘ (Heer des Wotans) und in vorchristlichter Form in den Sagen vom prozessionsartigen Totenzug der Oberwalliser und anderer alpiner Gebiete. Hinsichtlich des Lärms, des Hauptelements des ‚Spräggelen-Brauches‘, ist es schwierig zu sagen, ob er ursprünglich die Funktion hatte, die Fruchtbarkeit von Mensch, Tier und Pflanzen zu wecken oder ob er nur Teil des Schrecken erregenden Benehmens der Geister war.

Der heutige Spräggelen-Brauch dient in Ottenbach dem gesellschaftlichen Zusammensein von jung und alt. Die Holzmasken, die eine Ziege mit Schnabel darstellen, wurden noch bis gegen 1900 in verschiedenen Dörfern des Knonaueramtes von den jungen Leuten im Dezember getragen. Heute ist dieser Brauch nur noch in Ottenbach lebendig." Der Bogen bis zu vorchristlichen Zeiten ist wohl etwas weit gespannt, ob ein Zusammenhang mit dem Oberwalliser Brauchtum besteht, fraglich. Auch hat der Brauch nichts mit Fruchtbarkeit zu tun.

„Durchspinnnacht" für Heimarbeiterfamilien

Die älteste Quelle, die ich zur „Spräggele" gefunden habe, befindet sich in der Beschreibung der Pfarrgemeinde Kappel, die der dortige Pfarrvikar Hans Heinrich Meyer im Jahr 1797 angefertigt hat. Die Handschrift liegt in der Zentralbibliothek Zürich (MS Z 625). Pfarrer Meyer beschriebt die Situation der Baumwollspinner: In den meisten Familien müssten alle Frauen sowie die Mädchen und im Winter auch die Knaben ab etwa sechs Jahren Baumwolle spinnen. Um im Winter Licht zu sparen, treffe man sich in sogenannten „Lichtstubeten". Mehrere Familien arbeiteten dann zusammen in einer Stube bei einem einzigen Licht, bis man sich um etwa 22 Uhr zur Ruhe begebe.

Vor Weihnachten allerdings finde jeweils eine „Durchspinnnacht" statt; dann arbeite man die ganze Nacht hindurch, um vorzuholen, „was sie an Weihnachten versäumen". Dabei bestehe „die nicht wohl hergebrachte Gewohnheit", dass eine alte Frau, manchmal auch der Dorfwächter, sich verkleide und so von Haus zu Haus ziehe, an die Fenster klopfe oder gar in die Stube hineintrete, um die Kinder zu fragen, ob sie gerne an der Spindel arbeiteten. „Wann sie von den Eltern der Nachlässigkeit beschuldiget werden, müssen sie einen Zuspruch anhören, wobey dieser oft mit einer Drohung verbunden ist." Diese verkleidete Person nannte man „Spräggelen". Vor dieser fürchteten sich die Kinder „wie vor dem Bölimann".

Bis zum Ende der Heimarbeit zu Beginn des 19. Jahrhunderts war dieser Brauch mindestens im ganzen Knonauer Amt verbreitet. Die Industrialisierung verdrängte die Heimarbeit. 1820 hatte die industrielle Garnspinnerei die Preise auf einen kleinen Bruchteil des Wertes von 1800 fallen lassen, denn in diesen 20 Jahren stieg die Produktivität pro Person auf das 400-fache. Damit löste sich der Brauch der „Spräggele" von der ursprünglichen Bestimmung. In den einen Dörfern wurde er aufgegeben, in anderen begannen sich die jungen Männer zum Spass zu verkleiden.

Baumwollspinnerei
Ende des 18. Jahrhunderts kam der Baumwoll-Heimindustrie ein zentraler Stellenwert für die Versorgung der Landbevölkerung zu: Hier wurde Bargeld verdient. Die Landwirtschaft diente der Mehrheit der Bevölkerung nur zur Selbstversorgung. Lediglich einige wenige wohlhabende Familien verfügten über genügend Raum und Kapital, um einen Webstuhl zu kaufen und zu nutzen.

Der Zürcher Baumwolletat von 1787 vergleicht die Anzahl der Spinner und Weber von 1787 mit 1785. Die Zahl der Heimspinnerinnen und -spinner in der Landvogtei Knonau stieg in diesen zwei Jahren von 4000 auf 4135. Insgesamt lebten etwa 6600 Einwohnerinnen und Einwohner über 5 Jahren in der Region, davon spannen somit über 60 Prozent. Die Zahl der Webstühle in der ganzen Region stieg von 11 auf insgesamt 24. Die „Spräggele" war also ein Brauch, der sich zur Disziplinierung der Kinder in der Durchspinn-Nacht entwickelt hatte, in einer Bevölkerung, in der die Mehrheit der Familien existenziell von der Arbeit der Kinder an der Handspindel abhängig war.

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