Einwanderer
«Spinnt ihr, bleibt in Nigeria!»

Zu Hunderten strömen sie in die Schweiz: junge Nigerianer mit der Hoffnung auf ein besseres Leben. Doch die Realität, die sie hier antreffen, ist oft eine ganz andere.

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«Spinnt ihr, bleibt in Nigeria!»

«Spinnt ihr, bleibt in Nigeria!»

Martin Rupf

Die Ortschaft Buch SH liegt im hintersten Zipfel der Schweiz. Für die 14 Nigerianer im Durchgangszentrum Friedeck fühlt es sich wohl eher an wie das Ende der Welt. Graue Nebelschwaden hängen über dem Wald, es regnet schon den ganzen Tag. Die Gruppe junger Nigerianer empfängt uns im Massenschlag. Im schlecht beleuchteten Zimmer stehen fünf Kajütenbetten aus Metall. Über den Bettgeländern hängen Kleider und feuchte Badetücher. Die meisten liegen im Bett. Einige dösen, andere surfen auf ihrem Laptop, einer liest die Bibel. Ein Tag wie jeder andere, an dem einfach nichts passiert – und das seit Monaten.

«Endlich kommt ein Journalist und spricht mit uns», sagt Tom Ekpomukpolo (32). Es sei Zeit geworden, dass die Medien berichten, unter welch misslichen Bedingungen sie hier leben müssten. Alle im Raum Anwesenden teilen das gleiche Schicksal: Auf ihr Asylgesuch wurde gar nicht erst eingetreten. Bis zu ihrer Ausreise – und das kann noch lange dauern (siehe unten) – erhalten sie ein Dach über dem Kopf und tägliche Mahlzeiten. Mehr nicht.

«Nicht einmal selber kochen dürfen wir, sondern müssen essen, was uns aufgetischt wird», sagt Toni Nweke (24). Einfach nur frustrierend sei es hier. «Wir erhalten kein Geld, dürfen aber auch nicht arbeiten», sagt Nweke. Ab und zu gingen sie nach Schaffhausen, um auf andere Gedanken zu kommen. Das Geld für die Zugfahrt – aber auch für andere Anschaffungen wie etwa die Laptops – hätten sie zum Teil von ihren Schweizer Freundinnen erhalten. Meistens würden die Beziehungen aber nicht sehr lange halten, erzählt Nweke. «Wenn die Frauen erfahren, dass wir hier im Friedeck leben, wollen sie mit uns nichts mehr zu tun haben.» Überhaupt hätten viele Leute ihnen gegenüber negative Vorurteile: «Wenn ich mit einer Schweizerin unterwegs bin, schauen mich die Leute komisch an», sagt Roger Ojinjwa (18). Er verstehe nicht, warum. «Wenn in unserer Heimat eine Nigerianerin mit einem weissen Mann zusammen ist, ist das auch kein Problem.»

«Die Leute mögen uns nicht, weil sie denken, wir alle seien Drogendealer», ist Ojinjwa überzeugt. Deshalb sei es auch so schwer, eine Freundin zu finden. Ein Ziel, das fast alle in der Gruppe nennen. Ganz schlimm sei es auch mit der Polizei. «Wenn ich mit einem Mann aus Äthiopien auf der Strasse bin, dann kontrolliert die Polizei garantiert nur mich.» Ein Polizist habe ihm in Schaffhausen auch schon gesagt, dass man hier keine Nigerianer wolle, so Ojinjwa. «Wieso, es leben doch auch Schweizer in Nigeria? Das Einzige, was wir wollen, ist in Frieden leben.»

«Wir sind nicht kriminell», betont Rotami Kpaduwa (21), um sogleich Zweifel an seiner Aussage aufkommen zu lassen: «Was können wir tun, wenn wir doch kein Geld erhalten.» Doch das fehlende Geld sei nicht das einzige Problem. «Jeden Tag verbringen wir hier in diesem kleinen Raum; die Langweile ist unerträglich.»

Sowieso empfinden sie es als ungerecht, dass sie zu zehnt in einem Zimmer leben müssen, während sich andere Bewohner zu zweit ein Zimmer teilen dürfen. Für die Gruppe ist klar: «Das können sie nur mit uns Nigerianern machen, weil wir so friedlich sind.» Mit der Friedfertigkeit hätte es spätestens dann ein Ende, wenn ein muslimischer Landsmann zur Gruppe stossen würde. «Mit einem Muslim hätten wir ein grosses Problem», sagt Roger Ojinjwa, der wie alle anderen der Gruppe Christ ist.

Sie alle betonen, dass sie nicht aus wirtschaftlichen, sondern aus politischen Gründen in die Schweiz geflüchtet seien. So unerträglich die Situation hier in der Schweiz auch sei und so sehr sie ihre Heimat vermissen würden, eine freiwillige Rückkehr kommt für sie nicht infrage. «Wenn wir nach Nigeria zurückkehren müssen, dann werden viele von uns sterben», sagt Rotami Kpaduwa. Auf die Frage, von wem oder was die Gefahr denn ausgehe, antwortet er nicht.

«Wir wollen nicht immer hier leben, aber eine Rückkehr kommt erst dann infrage, wenn sich die Situation in Nigeria wieder beruhigt hat», sagt Kpaduwa. Dabei kommt er ins Schwärmen: «Der schönste Ort in der Schweiz ist nicht so schön wie Nigeria. Bevor es all die Probleme gab, konnten wir uns dort frei bewegen. Und: Man kann so viele Frauen haben, wie man will», sagt Kpaduwa lachend.

Ab und zu habe er Kontakt mit Landsleuten in seiner Heimat, die ihm mitteilten, sie wollten auch in die Schweiz kommen. Seine Antwort würde dann immer gleich lauten: «Spinnt ihr, bleibt in Nigeria!»