Spasswahlkampf treibt Blüten

Kerkeling als Horst Schlämmer

Kerkeling als Horst Schlämmer

Man greift sich an den Kopf: 18 Prozent der Deutschen könnten es sich vorstellen, bei der Bundestagswahl die «Horst-Schlämmer-Partei» zu wählen: Weshalb Horst Schlämmer in Deutschland mehr beachtet wird als echte Politiker.

Dagmar Heuberger

So hat Hape Kerkeling sich das wohl vorgestellt: Über seine Kunstfigur Horst Schlämmer, der im
Kinofilm «Isch kandidiere» als Kanzlerkandidat auftritt, wird vor allem in der deutschen Boulevardpresse gegenwärtig mehr geschrieben als über die realen Kandidaten. Das liegt nicht zuletzt an einer perfekten Marketingstrategie.

Zuerst gelang es, die «Bild»-Zeitung als Vermarktungspartner zu gewinnen. Das Boulevard-Blatt bot Kerkeling beziehungsweise seinem Alter Ego Schlämmer ausreichend Platz für Interviews und so sinnvolle Slogans wie «Sonnenbank für alle - gratis» und «Schönheitsoperationen für alle - auf Kasse». Die PR-Maschine schnurrte, andere Medien sprangen auf, und Anfang August kamen sage und schreibe 200 Journalisten zu einer Pressekonferenz mit Horst Schlämmer in Berlin.

Und jetzt - welch ein Zufall -, genau eine Woche vor dem Filmstart in Deutschland, das Sahnehäubchen: Das Magazin «Stern» publiziert die Ergebnisse einer realen Umfrage zum irrealen-irren Horst Schlämmer: 18 Prozent, fast jeder fünfte Deutsche, würde die «Horst-Schlämmer-Partei» (HRS) wählen, wenn sie tatsächlich bei der Bundestagswahl vom 27. September antreten würde. Reale Splitterparteien können von einem solchen Ergebnis nur träumen. Und auch die SPD und ihr Kanzlerkandidat Frank Walter Steinmeier liegen mit ihren 20 Prozent in Reichweite der HRS.

Schlämmer, der schmuddelige Journalist aus dem Rheinland, der entfernt an Harry Hasler erinnert, ist nicht der einzige Politclown im deutschen Wahlkampf. Da ist noch die Studentin Samira El Quassil. Sie ist bereits seit gestern in den deutschen Kinos zu sehen. Und zwar in «Die Partei - Der Film». Die Münchnerin marokkanischer Herkunft ist - ausgerechnet - Studentin der Kommunikationswissenschaften und macht im Film Bundeskanzlerin Angela Merkel Konkurrenz. Und zwar unter dem Motto «Frau ja, aber schöner». Das Casting gewann sie mit Sätzen wie: «Hier ist es sehr, sehr heiss, aber die ‹Partei› verspricht einen heissen Wahlkampf.»

«Die Partei» existiert tatsächlich. Sie ist eine Gründung von Journalisten des Satiremagazins «Titanic»: Parteichef ist Martin Sonneborn, Ex-Chefredaktor von «Titanic», die Vorstandsmitglieder gehören ebenfalls vorwiegend der «Titanic»-Redaktion an. Das Programm (Wiederaufbau der Mauer) entspricht ungefähr dem, was Journalisten so reden, wenn sie sehr lange beim Bier zusammensitzen. Kein Wunder, dass die «Partei» nicht zur Bundestagswahl zugelassen ist - «zu wenig ernsthaft», befand der Bundeswahlleiter.

In einer Zeit, die ernster nicht sein könnte, bekommt der Spasswahlkampf mehr Aufmerksamkeit als der echte Bundestagswahlkampf. Geradezu flau wirkt dagegen im Rückblick der Spasswahlkampf der FDP aus dem Jahr 2002. Man erinnert sich: Das war der Wahlkampf, in dem Guido Westerwelle als Kanzlerkandidat seine Schuhsohlen mit der aufgemalten 18 in die Kameras streckte und im «Guidomobil» durchs Land tourte.

Weshalb ist das so? Die etablierten Politiker sind daran nicht ganz unschuldig. In den zahllosen Talk-
shows reden sie vorgestanzte Sätze daher, wirken konturenlos, austauschbar, aalglatt, unglaubwürdig. Kaum einer polarisiert, regt auf. Das fördert die Politik- und Parteienverdrossenheit. Auf diesen Zug springen die Schlämmers und El Quassils auf.

Schlimmer als Schlämmer ist freilich, dass einige seriöse Politiker sich auch noch von den Politclowns instrumentalisieren lassen. So sind sich der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) und Grünen-Chef Cem Özdemir nicht zu blöd, in Kerkelings Film mitzuspielen. Und Steinmeier fühlte sich bemüssigt, Schlämmer Ratschläge zu geben: Der SPD-Kanzlerkandidat warnte davor, Schlämmers Heimatstadt Grevenbroich zum Regierungssitz zu machen. Ihnen allen sei mit
Erich Kästner zugerufen: «Nie dürft ihr so tief sinken, von dem Kakao, durch den man euch zieht, auch noch zu trinken.»

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