Sonntagsgespräch
SONNTAGSGESPRÄCH

Der Dietiker House-DJ Roger Zeindler ist als Street-Parade-Veteran schon seit über zehn Jahren auf und neben der Route dabei. Er spricht über Toleranz, Kommerz und spirituelle Erlebnisse am Grossanlass

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DJ Roger Zeindler

DJ Roger Zeindler

Schweiz am Sonntag

Von Bettina Hamilton-Irvine

Herr Zeindler, wann waren Sie das erste Mal an der Street Parade?

Roger Zeindler: Bevor ich als DJ dabei war, war ich etwa vier oder fünf Jahre lang als Teilnehmer an der Street Parade - das erste Mal ist über zehn Jahre her. Wobei man dazu sagen muss, dass sich der ganze Event schon damals ziemlich kommerziell entwickelt hatte. Da waren schon Hunderttausende von Menschen dabei.

Zur Person

Als «Jaybee» ist Roger Zeindler DJ mit eigenem Musikbusiness in Dietikon. Der 42-Jährige ist seit über 20 Jahren im DJ-Business und spielt seit 2005 ausschliesslich House-Musik. Bekannt wurde er durch seinen Hit «Shattered Dreams», mit welchem er 2005 die Schweizer Hitparade sowie auch Charts in anderen Ländern stürmte. In den Schweizer Dance Charts ist er heute mit der 2009er-Version dieses Songs auf Platz 1. Sein neuster Hit «A Tribute to Street Parade 2009», welcher ursprünglich als Hymne für die diesjährige Street Parade vorgesehen war, bewegt sich ebenfalls auf den oberen fünf Plätzen der Schweizer Dance Charts. An der diesjährigen Street Parade am nächsten Samstag ist Zeindler mit dem Lovemobile «Jaybee and Human Elements» dabei. Der Wagen steht unter dem Motto «Moulin Rouge». Tagsüber arbeitet Zeindler, der in Dietikon aufgewachsen ist und heute in Berikon lebt, als Verkaufsleiter bei der Firma ISS Facility Services. Er ist verheiratet und hat drei Kinder im Alter von 7, 14 und 16 Jahren. (bhi)

Wie haben Sie die Entwicklung der Street Parade erlebt?

Ich habe das Gefühl, dass die Lovemobiles früher im Allgemeinen attraktiver waren als heute. Jetzt gibt es jedes Jahr einige sehr attraktive Wagen, aber leider auch ganz normale, welche sich nichts einfallen lassen. Ich kann mich gut erinnern, damals rannte ich jeweils irgendeinem Mobile nach, bei welchem der Sound für mich total stimmte, und tanzte ab.

Was hat sich sonst noch verändert über die letzten zehn Jahre?

Die ganze Sache ist sicher noch kommerzieller geworden. Ich glaube, früher konnten die Veranstalter mehr Geld für ein Lovemobile ausgeben. So viel ich weiss, sprach man über Budgets von 30 000 bis 50 000 Franken. Heute geben die meisten wohl nur noch so 15 000 bis 25 000 Franken aus. Heute ist es auch schwieriger, Sponsoren zu mobilisieren. Im Gegensatz zu früher werden heute viele Klubs durch die Partylabels getragen. Das kann ein Grund sein, weshalb Klubs nicht mehr das Budget haben, einfach mal so 20 000 Franken auf den Tisch zu legen, um einen Wagen mitzufinanzieren.

War denn früher an der Street Parade insgesamt mehr Herzblut dabei?

Auf jeden Fall. Ich finde, früher war die Stimmung die Route entlang schon explosiver und dadurch ein noch grösseres Partygefühl. Wobei ich sagen muss, auch heute noch ist es umwerfend.

Die Street Parade soll eine grosse Demonstration für Liebe und Toleranz sein. Für viele Leute ist sie jedoch heute nur noch Kommerz. Steckt für Sie die Message der Liebe und der Toleranz noch in der Street Parade?

Absolut. Die Street Parade ist der Liebe-Kommerz-Event schlechthin. (lacht) Wenn man bedenkt, was für eine Masse an Menschen dieser Event anzieht, ist es wahnsinnig, wie wenig Probleme es gibt. Klar werden Drogen konsumiert, aber mit Drogen hat man auch in den Klubs oder an anderen Grossanlässen zu kämpfen, ja sogar im Berufsleben. Wenn ein Event wie die Street Parade mehr als eine halbe Million Menschen anzieht, kann man einfach nicht davon ausgehen, dass alles sauber ist. Am Schluss wollen jedoch alle nur eins: einfach tanzen und Spass haben.

Also eine friedliche Sache.

Der Anlass ist total friedlich, finde ich. Ich persönlich sehe null Aggressionen. Auch habe ich in all den Jahren noch nie Tätlichkeiten gesehen, geschweige denn eine Schlägerei. Ich bin jedes Wochenende irgendwo in einem Klub unterwegs und sehe jeweils, wie die Security eingreifen und schlichten muss. Ich weiss logischerweise schon, dass Randale an der Parade vorkommen. Ich denke jedoch, an der Menge der Besucher gemessen ist es an der unteren Grenze. Deshalb bin ich überzeugt, dass die Message der Liebe und der Toleranz im Event nach wie vor besteht.

Trotzdem hat die Street Parade in den letzten Jahren immer wieder mal negative Schlagzeilen gemacht. Hat die Öffentlichkeit den negativen Ereignissen am Anlass zu viel Beachtung geschenkt?

Ja, das finde ich. Man weiss, dass in Zürich in vielen Klubs Drogen konsumiert werden. Da ist es ja logisch, dass das an der Street Parade auch vorkommt. Mein persönliches Gefühl ist, dass dies im Zusammenhang mit der Street Parade aufgeblasen wird. An der Parade kommt es halt mehr zur Erscheinung, ist mehr an der Öffentlichkeit. Dort sieht man, wenn jemand zusammenbricht oder behandelt werden muss. In der Szene, in den Klubs kommt das genauso vor, läuft aber versteckt ab.

Hat die Street Parade nicht langsam etwas zu grosse Dimensionen angenommen? Könnte man wieder ein bisschen zu den Anfängen zurückfinden, oder ist das gar nicht nötig?

Der Prozess der letzten Jahre lässt sich nicht einfach so abrupt stoppen. Falls sich die Street Parade wieder einmal in die frühere Richtung zurückentwickeln sollte, dann passiert dies in einem langen Prozess, den man entsprechend zu steuern beginnt. Ich bin überzeugt, dass es auch davon abhängt, welche Art von Lovemobiles teilnehmen und welche Musik darauf gespielt wird. Das ist ein wesentlicher Faktor für die Besucher und entsprechend für die Stimmung entlang der Route. Dieses Jahr hat es einige richtige grosse Welt-Acts dabei. Ich kann mir vorstellen, dass es eine super Sache wird.

Es stört Sie also nicht, dass die Parade so gross geworden ist?

Überhaupt nicht, ich finde das total lässig. Gerade als DJ ist es ein unglaubliches Gefühl, wenn man vor einer solchen Menge spielen kann. Diese Emotionen kann man gar nicht in Worte fassen - das will man immer wieder erleben. Deshalb kann es für mich als DJ gar nicht zu viele Leute haben. Je mehr, desto schöner.

Sie gehören demzufolge nicht zu den Leuten, die den alten Zeiten nachtrauern und wehmütig davon sprechen, wie die Street Parade früher exklusiver und mehr «underground» war?

Das ist auch eine Frage der Musik, auf die man steht. Ich spiele nicht nur Kommerz-House, das ist auch der Sound, der mich persönlich am meisten begeistert. Deshalb spiele ich auch entsprechend in kommerzielleren Klubs. Also bin ich eher nicht der Typ, welcher den alten Zeiten nachtrauert (lacht).

Kann man mit Tanzen denn noch etwas bewegen? Gibt es die Vision noch, dass man tanzend die Welt verbessern kann?

Ich denke, schon. Auch der Tanz ist eine Emotion, die man lebt. Auch von etwas Kleinem ausgehend kann man Grosses bewegen. Ich hab schon oft Tanzende gesehen, welche eine ganze Masse angesteckt haben.

Als DJ haben Sie also das Gefühl, dass Sie die Menschen mit Musik erreichen und bewegen können?

Das hoffe ich doch. Ich bin nicht ein DJ, der ein vorbestimmtes Set spielt. Wenn ich ankomme, weiss ich noch nicht einmal, mit welchem Song ich anfangen werde. Ich spiele immer nach Gefühl, denn meine Aufgabe ist es, eine gute Stimmung zu kreieren und die Tanzfläche zu füllen. Wenn das klappt, macht mich das total glücklich. Das Entscheidende ist, dass du die Leute bewegen und mitreissen kannst. Ich kann das mit der Musik, andere können es mit dem Tanzen. Du steckst zuerst die Personen rund um dich an und dann zieht es Kreise, wie wenn man einen Stein ins Wasser wirft. Man bewegt rundherum alles mit. Ich will meine eigene Freude, die ich in mir trage, weitervermitteln können. Das ist meine Message.

Das hat fast schon eine spirituelle Komponente.

Absolut. Ich trage auf jeden Fall einen grossen Glauben in mir.

Den Glauben an die Musik? Oder an die Liebe?

Natürlich an beides.

Sie haben früher an einer der Outdoor-Bars im Umfeld der Street Parade aufgelegt. Seit dem letzen Jahr bekommen die Outdoor-Bars keine Bewilligungen mehr erteilt, da man sich davon weniger Zwischenfälle erhofft. Eine sinnvolle Massnahme?

Wenn die Organisatoren der Street Parade diese Massnahme ergriffen haben, um in dieser Beziehung wieder mehr «back to the roots» zu kommen, dann würde ich das in Ordnung finden. Ich glaube jedoch nicht, dass es aufgrund dieser Massnahme weniger Zwischenfälle gibt. Die Street Parade ist ja mittlerweile ein Zürifäscht. Sie bewegt die ganze Stadt, lockt Tourismus an. Wenn ein anderer Grossevent stattfindet, sind doch Outdoor-Bars auch erlaubt.

Dieses Jahr sind Sie das erste Mal mit einem eigenen Lovemobile dabei. Wie viel Aufwand nehmen Sie damit auf sich?

Der Aufwand ist enorm. Ich organisiere unser Lovemobile zusammen mit Christian Pelli, Human Elements, einem der grösseren Partyveranstalter in Zürich. Er ist für das ganze Ticketing verantwortlich und ich für den Wagenbau. Wir beide investieren je mindestens einen ganzen Monat Arbeit, wenn man das auf ein 100-Prozent-Pensum ausrechnen würde. Das Suchen der Sponsoren ist ein riesiger Aufwand. Auch der Wagenbau fängt bei null an. Ich muss einen Lastwagen organisieren, einen kompletten Boden und das Gerüst bauen lassen, eine Dekorationsfirma, die Musikanlage, Toiletten und Bars organisieren. Ich will in jeder Hinsicht auf Nummer Sicher gehen. So kommuniziere ich zwar viermal mehr, dafür gibt es am Tag selber dann keine bösen Überraschungen.

Lohnt sich das? Wird der Event Sie für diese vielen Stunden Arbeit entschädigen?

Auf jeden Fall. Nur schon das Organisieren macht mir viel Freude. Danach werde ich zwei Stunden lang hinter dem Mischpult stehen dürfen. Das reicht mir absolut. Diese Emotionen erleben zu dürfen, entschädigt jeden Aufwand.

Gibt es noch freie Plätze auf Ihrem Lovemobile?

Die Plätze sind schon seit Juni restlos ausverkauft. 220 Leute werden dabei sein.

Wie lange werden Sie noch an der Street Parade dabei sein?

Sie stellen Fragen! (lacht) Sagen wir es so: Als Teilnehmer werde ich auf jeden Fall noch viele Jahre dabei sein. Als DJ habe ich zwei Grundsätze: Einerseits muss es mir noch Spass machen, House-Musik zu spielen. Entscheidend ist auch, dass ich die Menschen mit meiner Musik weiterhin bewegen kann. So lange diese beiden Kriterien erfüllt sind, werde ich auch als DJ noch ein paar Jahre dabei sein.