Aarau
Sonntags an der Bahnhofstrasse

Als Rennpiste wird die Bahnhofstrasse in Aarau gelegentlich bezeichnet. Kürzlich blitzte die Polizei einen Junglenker gleich dreimal mit übersetzter Geschwindigkeit. Beobachtungen an einem Nachmittag an der Bahnhofstrasse.

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Bahnhofstrasse

Bahnhofstrasse

Aargauer Zeitung

Aline Wüst

An sonnigen Sonntagnachmittagen wird die Bahnhofstrasse in Aarau zum Catwalk. Nicht den magersten, sondern den fettesten Schönheiten gebührt das Interesse: den fettesten, protzigsten Karren. Die flanierenden Passanten bilden das Publikum, um deren Aufmerksamkeit die sonnenbebrillten Junglenker buhlen. BMW, Fiat Punto und Audi drehen ihre Runden, In regelmässigen Abständen fahren sie die Aarauer Bahnhofstrasse rauf und runter, biegen nach dem McDonald's ab und fahren über den Aarauer Graben zurück, um erneut in die Bahnhofstrasse einzubiegen. Dabei kommt es regelmässig zu Geschwindigkeitsüberschreitungen.

Kein Geld für Partys

Die Stadtpolizei markiert Präsenz am Sonntag und reihte sich in die Runden der schnittigen Sportwagen ein. Gerast wird an diesem Nachmittag nicht. Nur nach Rotlichtern heulen die Motoren auf und demonstrierten dabei lautstark, wie schnell sie beschleunigen können. Ein Töfffahrer macht auf der Höhe des Bahnhofs ein Männchen und braust davon.

Ein schnittiger Fiat Punto zeigt sich derweilen bereits das zweite Mal auf der Bahnhofstrasse. Kurz darauf biegt er auf den Parkplatz der Pestalozzischule ein. Der junge Mann sagt, dass er nie ziellos mit seinem Auto herumkurve. Aber klar, er kenne solche Leute. Die Absicht dahinter: Das schicke Auto zeigen und Frauen beeindrucken. Der Junglenker verrät, dass er junge Männer kennt, deren Kühlschrank leer sei und die nie an Partys gehen. Der Grund: Das ganze Geld geht für das Auto drauf. «Es bleibt ihnen nichts anderes übrig als Runden zu drehen.» Er hupt zum Abschied.

Autos aller Marken ziehen vorbei, aus einigen dringt wummernd die Musik. Ein Autofahrer verpasst es, als die Ampel auf Grün springt. Mit Hupen wird er darauf aufmerksam gemacht.

Ohne Geld im Cabrio

Ein BMW-Cabrio-Fahrer parkiert sein Auto auf dem Trottoir und geht zum Bancomat gegenüber dem Manor. Lange Zeit steht der Lenker dort. Steckt ungeduldig die Karte rein, schüttelt den Kopf. Geld kommt keines raus. Er lässt sich eine Quittung ausdrucken und geht zu seinem mit Ledersitzen bestückten Auto zurück. Ein letzter Blick auf die Bankquittung, dann fliegt sie zerknüllt aus dem Auto und der Geldlose braust mit seinem Cabrio davon.

Faule Fussgänger

Die meisten Lenker in protzigen Autos sind junge Männer. Ganz selten sind es Frauen, die ordentlich auf das Gaspedal treten. Fussgänger suchen sich ihren Weg über die Bahnhofstrasse. Den Fussgängerstreifen zeigen die meistens die kalte Schulter. Vor allem auf der Höhe des Bahnhofs ist es vielen zu anstrengend, die Unterführung zu benützen. Sie suchen sich zwischen Bussen und Autos einen Weg über die Strassen. Prekäre Situationen entstehen dabei. Vor allem wenn alte Menschen, die nicht mehr so schnell sind, sich ins Verkehrsgetümmel stürzen.

Eine Gruppe junger, aufgebretzelte Frauen stöckelt der Bahnhofstrasse entlang. Ob sie die Aufmerksamkeit der jungen Männer in den heissen Karren suchen?