Müll
Sondermülldeponie Ozean - So verseucht der Mensch unsere Ozeane mit Müll

Der Mensch wirft Tonnen von Müll in die Ozeane. Das Resultat: Im Pazifik und im Atlantik haben sich zwei Müllteppiche so gross wie Mitteleuropa gebildet - und im Mittelmeer droht der nächste Teppich.

Vasilije Mustur
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Verendete Tiere
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Magenwaal ...dabei fanden Wissenschaftler im Magen eines Pottwals Plastik in Hülle und Fülle.
Albatrosse Albatrosse
Albatross Albatrosse

Verendete Tiere

a-z.ch News

Das Öl sprudelt und alle schauen tatenlos zu: Seit dem Untergang der BP-Ölplattform «Deepwater Horizon» strömen Tag für Tag 9,5 Millionen Liter Öl in den Golf von Mexiko und verursachen eine verheerende Ökokatastrophe. Jetzt zeigt sich, dass ohne Wissen der breiten Öffentlichkeit entlang der US-Pazifik- und Atlantikküste eine noch viel dramatischere Ökokrise bereits im Gang ist.

Der Mensch schmeisst über 500000 Tonnen Müll ins Meer - pro Tag

So gehen aus Schätzungen der renomierten Umweltschutzorganisation IUCN hervor, dass der Mensch 540000 Tonnen Abfall pro Tag direkt in die Weltmeere wirft. «Das sind noch vorsichtige Zahlen» ist sich Sigrid Lüber - Präsidentin der Schweizer Meeresschutz «OceanCare» - sicher. Zu den grössten Meeresverschmutzern zählen laut einer weiteren Umweltschutzorganisation «Ocean Conservancy» mit über zwei Millionen Stück Zigarettenfilter, Plastikbeutel mit mehr als einer Million und Nahrungsmittelverpackungen mit 943 233 Stück.

So lange dauert es, bis der Müll weg ist

Papiertücher: 2 bis 4 Wochen
Zeitungen: 6 Wochen
Milchkarton-Schachtelm: 3 Monate
Plastikteile: 400 - 1000 Jahre
Fischnetze: 600 Jahre

*Quelle Ocean Conservancy

Dieser Müll gelangt laut WWF Schweiz wie der übrige Müll zu 80 Prozent über Flüsse, Wind oder durch Abfalldeponien aus dem Landesinneren ins Meer.

Vor Hawaii liegt ein Müllteppich so gross wie Mitteleuropa

Inzwischen hat das Verhalten des Menschen einen kritischen Punkt erreicht. Auf hoher See zwischen Hawaii und Kalifornien - genauer gesagt 2000 Kilometer nordwestlich des Inselparadies - hat sich ein sogenannter Müllstrudel gebildet. Mittlerweile hat dieser Teppich die Grösse von Zentraleuropa erreicht. «Auf einen Quadratkilometer Ozean kommen 18000 Müllteile», bestätigt Lüber von OceanCare.

Grund für den Müllteppich vor Hawaii liegt an einem Hochdrucksystem. Dieses erzeugt einen Meeresstrudel, der sich im Uhrzeigersinn dreht. Erfasst der Strudel erst einmal den treibenden Abfall, bleibt dieser bis zu 16 Jahre in diesem Gebiet.

Doch damit nicht genug: Derzeit weist der Müllberg vor Hawaii laut WWF Schweiz die weltweit höchste Konzentration an schwimmenden Plastikteile auf. Dieser schwimmende Plastik im Pazifik stellt denn auch das grösste Problem für das fragile Ökosystem dar.

Plastik - der sichere Tod für die Meerestiere

Je nach Konsistenz löst sich Plastik erst nach 400 bis 1000 Jahren auf (siehe Box). Bis es soweit ist, verschmutzen die chemischen Substanzen unaufhaltsam den Ozean und das Ökosystem. Zudem stellt der Plastik für die Meeresbewohner eine Existenzbedrohung dar. Wie aus Studien mehrerer renomierten Umweltschutzorganisationen hervorgeht, fallen jedes Jahr 267 Tierarten - darunter 100000 Meeressäuger wie Robben, Seelöwen und Waale - dem geschluckten Abfall zum Opfer.

Aber auch über eine Million Seevögel sind am Plastik verendet, weil sie diesen mit Futter verwechseln und fressen. «Die Tiere erleiden nach Einnahme des Plastiks einen Darmverschluss oder ersticken daran. Sterben die Tiere nicht daran, geben die Giftstoffe den Tieren den Rest».

Eine Zigarette verseucht 40 Liter Trinkwasser

Neben dem Plastik bereiten auch die Zahl der Zigarettenstummel - die 200 Jahre benötigen, bis sie sich zersetzt haben - auf den Weltmeeren Sorge. Laut «OceanCare»-Präsidentin Lüber beträgt die jährliche Zahl der ins Meer gelangten Zigarettenstummel 4,5 Billionen. «Viele Raucher werfen ihre Kippen auf die Strasse oder in die Natur, wo sie im Grundwasser landen. Durch Auswaschung setzt der Regen dann Schadstoffe - also Cadmium, Dioxin, Formaldehyd und Nikotin - frei und landen im Grundwasser».

Darüber hinaus genügt eine Zigarette, um 40 Liter Tinkwasser zu verseuchen. «Die Entsorgung der Zigarette in der Toilette ist deshalb keine bessere Idee, denn die Wasserwerke vermögen das Gift nicht zu extrahieren».

Sinnbild der Qualen der Tiere ist laut Yves Zenger von WWF-Schweiz der Tod eines Albatross-Kükens. «Die Untersuchung des Mageninhaltes eines toten Kükens förderte Hunderte kleiner Plastikteile zutage. Die Mutter sammelte auf dem Meer den Müll ein, verfütterte diesen an ihr Küken und dieses verendete daraufhin».

Weiterer Müllberg in der Karibik entdeckt

Derweil hat sich das Problem des Mülls auf den Ozeanen noch weiter verschärft. Wissenschaftler haben vor zwei Monaten einen weiteren Teppich nördlich der Karibikküste entdeckt. «Dort schwimmen pro Quadratkilometer 22000 Plastikteile herum», sagt Lüber von OceanCare.

Darüber hinaus warnen Wissenschaftler sogar vor einem neuen Müllteppich im Mittelmeer und in der baltischen See. WWF Mitglieder fanden im Sommer 2006 bei einer Säuberungsaktion über 300 Kilogramm Müll im baltischen Meer und laut einer Studie des WWF schwimmen dort bis zu 50 Stück Müll pro 500 Meter herum. Und: als ein gestrandeter Pottwaal im Mittelmeer setziert wurde, fanden Forscher in dessen Magen Plastik in Hülle und Fülle (siehe Bildergalerie).

So sieht der Müll auf hoher See aus

Sehen Sie unter http://www.youtube.com/watch?v=K8s7uIzmesI&feature=player_embedded was für Leid der Müll auf den Meeren anrichtet.

Fazit der erschreckenden Zahlen: Die Regierungen müssen den Ozean vom Müll befreien. Doch dieser Punkt sorgt bei den Verantwortlichen für rote Köpfe. «Es geht hierbei um Hohheitsgebiete. Wenn der Müllstrudel in der Hochsee - also ausserhalb des Territoriums der zuständigen Staaten liegt - dann fühlt sich niemand dafür verantwortlich», sagt Lüber.

Sämtliche Umweltschutzorganisationen erachten diese Diskussion als müssig, da der Müll aus allen Herren Länder stamme. Deshalb müssten sich sämtliche verantwortlichen Staaten am Einsammeln des Abfalls beteiligen.

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