Bundesrat
Sollen lauter Nichtakademiker die Schweiz regieren?

Mit Johann Schneider-Ammann verfügt nur gerade einer der vier Bundesratskandidaten von FDP und SP über klassische akademische Weihen. Bei den anderen drei Anwärterinnen sind die Ausbildungen ausgesprochen bunt: Die Palette reicht von Seklehrerin (Jacqueline Fehr) über Dolmetscherin (Karin Keller-Sutter) bis zu Pianistin (Simonetta Sommaruga).

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Christof Forster

Wenn das Parlament am 22. September zwei Frauen in die Regierung wählt, wächst die Fraktion des gelernten Buchhalters Ueli Maurer: Es wären dann drei von sieben Bundesräten Nichtakademiker. Geht das?

In den vergangenen Jahrzehnten regierte meist ein Bundesratsmitglied ohne Uni-Titel mit, selten zwei. Vor Maurer gehörten Adolf Ogi, René Felber, Willi Ritschard und Ernst Brugger zu dieser Gattung Politiker. Doch drei Nichtstudierte gleichzeitig, wie es jetzt möglich wäre, hat es nicht gegeben.

Angesichts der immer komplexeren Probleme ist ein Uni-Studium fast zur Voraussetzung für eine Bundesratskandidatur geworden. Besonders gut vertreten sind Juristen. In den letzten zehn Jahren gab es immer mindestens drei Magistraten mit einem Diplom der Rechtswissenschaften in der Tasche. «Eine juristische Ausbildung war fast schon die Hälfte der Miete», sagt Politberater Iwan Rickenbacher.

Drei Kernkompetenzen

Rein formal sind die Hürden sehr tief. Wählbar in den Bundesrat sind alle Stimmberechtigten, heisst es in Artikel 143 der Bundesverfassung. Man muss also mindestens 18 Jahre alt und Schweizer sein. Damit hat es sich bereits.

Doch darüber hinaus gibt es natürlich eine Reihe von informellen Kriterien, anhand deren das Parlament beurteilt, ob ein Kandidat oder eine Kandidatin auch tatsächlich Bundesratsformat hat. Nun kann man den Spiess umdrehen: Zuerst die Fähigkeiten und Qualitäten des Wunschkandidaten auflisten und erst dann schauen, ob ein Studium dazu notwendig oder förderlich ist.

Aus einem Strauss von Talenten lassen sich drei Kernkompetenzen herausschälen: Ein Bundesrat sollte eine rasche Auffassungsgabe – gepaart mit politischer Sensibilität – haben. Laufend tauchen neue Themen auf, die schnell erfasst werden müssen.

Er oder sie muss führen können. Dazu gehört, ein Team von guten Mitarbeitern um sich zu scharen und ein angenehmes Klima zu schaffen im eigenen Departement.
Gute Entscheide sind nicht viel wert, wenn man sie nicht erklären kann. Oder anders gesagt: Wer die Sachen nicht auf den Punkt bringt, sollte nicht Bundesrat werden.

Harte Ausbildung zur Pianistin

Vor allem bei der Auffassungsgabe kann ein Studium hilfreich sein. Man lernt an der Universität, ein Problem sauber zu analysieren. Das ist auch der Grund, wieso die Wirtschaft für viele Jobs ein Studium verlangt. «Der Uni-Titel gilt als Eintrittsticket», sagt Hans-Peter Beer von der auf Kaderselektion spezialisierten Swisselect.

Wer kein Studium habe, müsse speziell begründen, wieso er trotzdem für den Job qualifiziert sei. Führen und kommunizieren hingegen lernt man gemeinhin nicht an der Uni, sondern in Verbänden, Organisationen und in der Wirtschaft. Das zeigt auch die Erfahrung: Wer im Studium brillierte, ist nicht erfolgreicher im Berufsleben.

Kommt hinzu, dass bei der Besetzung von hohen Kaderstellen berufliche Erfolge und Erfahrung viel wichtiger sind als das Studium. Auch für den Bundesrat müssen sich die Kandidaten die Sporen vorher anderswo abverdient haben. «In der Politik zählen Erfahrung und Ergebnisse», sagt Rolf Küpfer von der Personalberatungsfirma Mercuri Urval.

Fazit: Der Uni-Titel ist kein entscheidender Punkt. Die Diplomgläubigkeit habe abgenommen, sagt Rickenbacher. Und das sei gut so. Für Küpfer ist die Persönlichkeit matchentscheidend.

Es gilt nachzutragen, dass die drei Kandidatinnen durchaus einen schulischen Rucksack mitbringen. Die Ausbildung am Konservatorium zur Pianistin etwa, die Körper, Geist und Seele fordere, sei sehr hart, sagt ein Personalvermittler. Dank ihrer Sensibilität könne Sommaruga sehr gut auf ihre Gesprächspartner eingehen.

Populäre Bundesräte ohne Studium

Noch ein Argument spricht nicht zwingend für ein Studium: Im Volk beliebte Bundesräte hatten oft keinen Uni-Titel. Ruedi Minger, Willi Ritschard und Adolf Ogi kamen an, weil sie sich einfach ausdrückten und ohne Gehabe auftraten.