Kokain
So beschäftigen Drogenkuriere die hiesige Justiz und Polizei

Die «Holderbank-Connection» und andere Drogenbanden beschäftigen Polizei und Justiz. Die Nigerianer dominieren den Kokainhandel auch im Aargau.

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Drogenhandel

Drogenhandel

Keystone

Michael Spillmann

Sie wechseln ständig ihre Handys, ihre Gespräche führen sie in der Igbo-Sprache und benützen für Drogenbestellungen unverdächtige Ausdrücke wie «Filme» oder «Mützen»: Die Nigerianer dominieren den Kokainhandel – auch im Aargau.

Teuren Kleinkrieg

Ermittler und Justiz führen – nicht erst seit Beginn der landesweiten Operation «Cola» – einen aufwändigen und teuren Kleinkrieg gegen die flexiblen Kokainnetzwerke. Die Fälle sind meist kantonsübergreifend. Ist ein Dealer gefasst, dann rückt der nächste nach. Steht ein Mitglied vor Gericht, stehen bereits weitere Fälle in der Warteschlaufe.

So hatte das Bezirksgericht Lenzburg Anfang September einen 23 Bundesordner umfassenden Fall von «Drahtziehern» behandelt. Die Richter verurteilten schliesslich zwei Männer und eine Frau zu mehrjährigen Freiheitsstrafen. Doch heute steht in Lenzburg bereits der nächste Fall auf der Traktandenliste: Ein 27-jähriger Nigerianer muss sich wegen mehrfacher Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz verantworten.

Tarnen und verschleiern

Der Staatsanwalt fordert sieben Jahre Freiheitsstrafe. Der Mann, der zur «Holderbank-Connection» der dortigen Asylunterkunft gehören soll, sitzt bereits seit Oktober 2008 hinter Gittern.

Die Anklage zeigt auf, wie der Nigerianer von der Asylunterkunft aus im Land herumreiste: nach Olten, nach Freiburg oder nach Bern, wo er jeweils Kokain im Wert von mehreren tausend Franken umgeschlagen haben soll.

Dank Telefonüberwachungen konnten die Ermittler einige Telefonate abhören. Seine Verbindungsleute trugen Tarnnamen wie «Fernando», «Mazi» oder «Black Jesus». Wobei der Name «Black Jesus», der schwarze Jesus, immer wieder fällt. Ob es sich dabei um einen «dicken Fisch», einen Grosshändler, handelt oder nur um ein Hirngespinst, um die Hintermänner zu schützen, konnte bislang noch nicht beantwortet werden.

Ein Kilo Kokain geschluckt

Wie die Netzwerke aus Grosshändlern, die meist in Holland oder Spanien aktiv sind, Zwischen- und Strassenhändlern funktionieren, zeigt sich auch bei der «Holderbank-Connection». Bereits im Sommer 2009 war der Polizei ein Fang gelungen, als die Ermittler von einer grösseren Kokainlieferung Wind bekommen hatten.

Rund ein Kilogramm Kokain sollte per Kurier – geschluckt in Form von 79 Fingerlingen – nach Holderbank gelangen. Der «Bodypacker» flog von Malaga nach Paris, von dort reiste er mit dem Zug nach Bern.

In Brugg klickten die Handschellen

Ein Asylbewerber der «Holderbank-Connection» sollte ihn in den Aargau schleusen. Dort wäre der Stoff an die Strassenhändler verkauft worden. Doch die Polizei war ihnen auf der Spur, in Brugg klickten die Handschellen.

Michael Perler, der Chef der Bundeskriminalpolizei, verglich den Kampf gegen die Kokainhändler letzte Woche mit einer Pfütze. «Wenn man den Fuss rausnimmt, fliesst das Wasser wieder zurück», sagte er. Dies, da vor allem im unteren Teil der Hierarchie oft Asylbewerber dealten, die auf ihre Ausweisung warten.

Jahrelang Doppelleben geführt

Es geht aber auch anders: Vor dem Bezirksgericht Aarau stand unlängst ein 36-jähriger Schweizer nigerianischer Herkunft. Er, der vor zwölf Jahren eine Schweizerin geheiratet und mit ihr in der Region gewohnt hatte, führte offenbar während Jahren ein Doppelleben. Wie dem Urteil der Richter zu entnehmen ist, mischte er neben seiner Tätigkeit als Lagerarbeiter im grossen Stil im Kokainhandel mit. Seiner Schweizer Frau gab er an, die unzähligen Treffen und Telefonate mit Landsmännern hätten mit seiner Tätigkeit im Autoexport zu tun.

Um einen Einzelfall handelt es sich dabei nicht. Der zuständige Aarauer Bezirksamtmann Dieter Gautschi ermittelt bereits gegen einen inhaftierten 34-jährigen Schweizer westafrikanischer Herkunft.

«Ein schwerwiegender Fall», sagt Dieter Gautschi. Die Kosten für Dolmetscher und Telefonüberwachung hätten bereits «viel Geld» verschlungen, die Untersuchung gestalte sich aufwändig.