Walter Brunner

Die römisch-katholischen Kirchen in beiden Basel verlieren seit Jahren Mitglieder. Derzeit ist es schlimmer als sonst: Die Schäfchen laufen der Kirche davon, weil sie genug haben von den Missbrauchs-Fällen und den ständig neuen Enthüllungen. Und von der Art, wie die Kirche über diese Skandale spricht- oder schweigt.

In Basel-Stadt haben bis jetzt 30 Personen die Kirche ausdrücklich wegen den Missbrauchsfällen verlassen, sagt der Mediensprecher Xaver Pfister. Das ist aber nicht alles: «Diese Zahl wird sich noch steigern. Das wird mindestens bis Ende April so weiter gehen.» Pfister erklärt die Austritte teilweise mit dem Verschicken der Steuerrechnung im März. Dann gebe es sowieso mehr Austritte. Und in der Vergangenheit habe sich gezeigt, dass mehr Leute der Kirche den Rücken zuwenden, wenn die Medien über einen Skandal in der Kirche oder über einen Streitfall berichten. Auch in Liestal bewegt das Thema die Gläubigen, Austritte gab es aber bisher noch nicht.

Erste Austritte im Baselbiet

Im Kanton Baselland hat die katholische Kirche den Überblick noch nicht. Es dauert einige Wochen oder Monate, bis alle Austrittsgesuche von den Pfarreien bearbeitet und an die Verwaltung in Liestal weitergeleitet worden sind. Anfragen bei den Pfarreien zeigen jedoch, dass bereits etliche Personen wegen der Missbräuche ausgetreten sind, so zum Beispiel drei Personen in Muttenz und eine in Laufen. Aber man erwartet oder befürchtet weitere Austritte in den nächsten Wochen. «Bis jetzt gab es keine Austritte, aber wir erwarten schon einige», sagt Elsie Heeb, Präsidentin der katholischen Pfarrei in Allschwil. «Das Thema beschäftigt die Leute sehr stark und sie sind konsterniert und erschüttert.» Auch im Pfarreirat sei das Thema zur Sprache gekommen.

In Laufen sind in diesem Jahr drei Personen aus der Kirche ausgetreten, und eine Person ist beigetreten. «Einer von den Austritten bezieht sich explizit auf die Missbräuche», sagt Präsident Stefan Froidevaux. Auch er fürchtet, dass die Affäre noch nicht ausgestanden ist: «Im Moment werden sich einige mit Austrittsgedanken befassen. Wir können nur hoffen.» Was in der Berichterstattung alles ans Tageslicht komme, könne schon Einfluss auf jemanden haben, der sich bisher mit dem Austritt noch zurückgehalten hat. Er vermutet, dass die Missbrauchsfälle derzeit in den Pfarreien ein sehr grosses Thema sind. In Binningen sind die Skandale im Seelsorgeteam zur Sprache gekommen, Austritte sind aber noch keine bekannt.

Offen darüber reden

Konkrete Massnahmen gegen weitere Austritte gibt es in den Pfarreien nicht; es sind bei den befragten Pfarreien auch keine Arbeitsgruppen eingesetzt worden. In Basel-Stadt wird das Thema derzeit auch intern breit diskutiert, wobei sich laut Xaver Pfister zwei Richtungen zeigen: Einige finden, mit dem Papstbrief sei das Problem nun erledigt. Andere seien der Ansicht, der Papstbrief sei ein erster Schritt, aber die Sache sei damit noch nicht vom Tisch. Pfister sagt, er habe in dieser Woche in einer Fernsehsendung zum Thema Stellung bezogen, weil «niemand von der höheren Etage» zu einem solchen Gespräch bereit gewesen sei. «Wir müssen aber offen über das Problem reden. Missbrauch geht nicht, das hat mit Gewalt zu tun.»