Homosexualität
Sind Schwule in der Schule ein Thema?

Muss man in der Schule über Homosexualität reden? Darüber streiten sich Schwule, Lesben und Politiker. Jetzt sagen Lehrer und Schulleiter in der Region, wie sie das Thema behandeln.

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Sind Schwule in der Schule ein Thema?_2

Sind Schwule in der Schule ein Thema?_2

Aargauer Zeitung

Maja Sommerhalder

«Ich wäre sehr froh, wenn die Lehrer Homosexualität im Unterricht thematisieren würden. Sie ist immer noch ein Tabuthema», sagt Peter Bugmann, Veltheimer Schulleiter. Primar- und Oberstufenschüler werden hier unterrichtet. Wird denn das Thema vollkommen ignoriert? «Sicher sprechen es einige im Aufklärungsunterricht an. Aber ich glaube, dass es immer noch eine Hemmschwelle gibt», so Bugmann. Deshalb will er an der nächsten Oberstufenlehrersitzung darüber reden: «Es wäre sinnvoll, wenn man im Team Regeln festlegen würde.» Im Lehrplan würde er das Thema Homosexualität nicht aufnehmen. Das fordern Schwulen- und Lebensorganisationen (siehe Update). «So verbindlich muss es nicht sein.»

Update

Erstmal entsteht ein einheitlicher Lehrplan für 21 Kantone. Das Thema «Sexuelle Orientierung» soll dort aufgenommen werden, fordern Lesben- und Schwulenverbände (AZ vom
25. April). Gewünscht wird, dass Homosexualität schon möglichst früh, am besten im Kindergarten, thematisiert wird. Laut den Verbänden wird das Thema von Gleichaltrigen und in den Schulen tabuisiert. Der Lehrerverbandspräsident unterstützt die Forderung, doch nationale Bildungspolitiker sind skeptisch. (som)

Dieser Meinung ist auch Ueli Zulauf, Schulleiter von Neuenhof: «Das ist nur eines von vielen gesellschaftlichen Themen, das die Schule aufgreifen soll.» Nicht, dass er dagegen ist, dass man im Unterricht über Homosexualität redet: «Ich glaube, dass dies unsere Lehrpersonen auch tun. Das Thema eignet sich für einige Schulfächer wie Biologie, Deutsch oder Geschichte.» Dafür brauche es aber nicht im Lehrplan verankert zu sein: «Sonst stellen auch andere Interessengruppen wie Umwelt- oder Wirtschaftsverbände Ansprüche.» Zudem sei der Lehrplan schon genug überladen und im Unterricht wenig relevant: «Die Lehrer richten sich mehr nach den Büchern. Deshalb sollte dort auch Homosexualität thematisiert werden.»

«Kindergarten ist zu früh»

Auch Erwin Egli, Würenlinger Schulleiter, würde das Thema nicht in den Lehrplan aufnehmen: «Man kann in der Oberstufe darüber reden.» Sollte man nicht schon in der Primarschule oder im Kindergarten damit beginnen? «Das ist zu früh, die Sexualität entwickelt sich erst in der Pubertät.» Im Badener Schulhaus Pfaffechappe wird in der Regel in der achten Klasse aufgeklärt, wie Schulleiter Stephan Mies bestätigt. «Das ist eine Richtlinie. Je nach Situation kann man schon früher damit anfangen.» Für ihn ist es selbstverständlich, dass man im Unterricht über Homosexualität redet und sie nicht tabuisiert.

Er zweifelt allerdings daran, ob das Thema explizit im Lehrplan erwähnt werden muss: «Schwulen- und Lesbenverbände fordern einerseits, dass man möglichst unverkrampft mit der gleichgeschlechtlichen Liebe umgehen soll. Andererseits wollen sie das Thema so prominent im Lehrplan haben. Für mich passt das nicht ganz zusammen.»

Nicht im lehrmittel erwähnt

Regula Villiger, die in Baden eine dritte Sekundarschulklasse unterrichtet, möchte es verbindlicher: «Andere Formen der Sexualität sollten im Lehrplan angesprochen werden.» Seit den Sportferien gibt sie in ihrer Klasse Aufklärungsunterricht. Nach den Sommerferien will sie während mehreren Lektionen über die verschiedenen Formen der Liebe reden.

Wie sieht dieser Unterricht aus? «Es geht nicht darum, dass man sich outen muss.» Vielmehr will sie offen diskutieren: «Jeder Schüler soll sich seine eigene Meinung bilden, neue Aspekte kennen lernen und sich überlegen, wo die eigenen Grenzen sind.» Die Reaktionen sind jeweils unterschiedlich: «Für die einen ist es selbstverständlich, andere schauen sich jeweils etwas verlegen im Klassenzimmer um.» Behandeln ihre Kollegen die gleichgeschlechtliche Liebe im Unterricht? «Ich kann mir vorstellen, dass dieses Thema ganz unterschiedlich gehandhabt wird.» In den offiziellen Lehrmitteln findet man kaum etwas. Villiger zeigt das Biologielehrbuch. Homosexualität wird im Kapitel «Sexualität des Menschen» nicht erwähnt. Nur in einem Kästchen sind «andere Erscheinungsformen der Sexualität» aufgeführt. Laut Lehrmittel sind dies: «Masochisten, Sadisten, Exhibitionisten und Prostituierte» (s. Bild).

Warum beginnt die Lehrerin erst in der achten Klasse mit der Aufklärung? «Wenn man früher damit anfängt, sind die Jugendlichen noch nicht richtig betroffen.» Es sei wichtig, dass sie auch Lust haben, dar-
über zu reden. Dieser Meinung ist auch Wolfgang Kayser, der in Baden eine vierte Realschulklasse unterrichtet: «Ich glaube, dass jüngere Kinder noch nicht so weit sind.» Er versteht nicht, warum Homosexualität im Unterricht ein Tabuthema sein sollte: «Nicht selten machen sich die Jugendlichen darüber lustig. Unsere Aufgabe ist es zu erklären, dass gleichgeschlechtliche Liebe etwas Normales ist.»