Sieben Familienmitglieder wegen Entführung und Nötigung verurteilt

Ins Auto gezerrt und in die Wohnung gesperrt: Sieben Familienmitglieder halfen mit, die junge H. B. zu entführen – weil sie den falschen Freund hatte.

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Tochter mit dem Tod gedroht

Tochter mit dem Tod gedroht

Deborah Balmer

Die 20-jährige H. B. (Name von der AZ geändert) führt in der besagten Zeit eine Beziehung zu einem türkischen Mann. Dies passte der kosovarischen Familie aus dem Aargau überhaupt nicht. Auch, weil ihr türkischer Freund verheiratet ist und zwei Kinder hat.

«Wir wollten verhindern, dass unsere Schwester diesen Mann weiter trifft», sagt der ältere Bruder von H.B. am Mittwoch vor dem Bezirksgericht Aarau. Um das zu erreichen, haben der Bruder, drei Schwestern, der Vater, ein Schwager und ein Freund der Schwestern zu drastischen Mitteln gegriffen: Sie besuchten das Opfer zu Hause in Aarau und packten es gegen seinen Willen in ein Auto. Während 36 Stunden hielten sie es fest: teils in der Wohnung einer Schwester und deren Mann in Schönenwerd, teils in der Wohnung des Vaters in Neuenhof.

«Ich war blind vor Liebe»

Dabei drohten die Angeklagten der jungen Frau wiederholt: «Wenn du nicht folgst, bringen wir dich um. Wir werfen deine Leiche vor die Türe deines Freundes. Er soll dich begraben. Wir wollen uns die Finger nicht dreckig machen», sagten sie.

Am dritten Tag ihrer Entführung, als die Angeklagten schliefen, konnte H. B. morgens um 7 Uhr fliehen: Sie sprang in Neuenhof vom Balkon aus dem 2. Stock herunter und flüchtete. Dabei verletzte sie sich am Fuss.

Neun Personen sitzen am Mittwochvormittag in einer Reihe vor dem Bezirksgericht in Aarau, Gerichtsmitarbeiter tragen extra Stühle in den Gerichtssaal. Neben den sieben Angeklagten ist die heutige 23-jährige H. B. vor Ort. Sie hatte ihre Familie vor drei Jahren angezeigt. Auch ein albanisch-deutscher Übersetzer ist da – nicht alle Familienmitglieder verstehen den Gerichtspräsidenten Thomas Müller ohne Übersetzung. Dabei ist er sehr deutlich in seinen Worten: «In unserem Rechtssystem ist so eine Tat nicht tolerierbar.» Zwar möge die Beziehung der Tochter zum verheirateten Türken moralisch verwerflich gewesen sein. «Doch dies begründet die Aktion nicht», so Thomas Müller.

So drohte der Vater der Tochter etwa, sie mit einem Kabel totzuschlagen. Das Gericht verurteilt ihn als Haupttäter zu einer bedingten Strafe von 240 Tagen à 30 Franken. Probezeit drei Jahre. Weil der Bruder bereits vorbestraft war, erhält dieser als Einziger eine unbedingte Geldstrafe von 4500 Franken. Das Gericht spricht auch alle anderen Angeklagten wegen Entführung und Nötigung schuldig. «Ohne den Beitrag jedes Einzelnen hätte diese Tat nicht stattfinden können.»

Da nützte es auch nichts, dass H. B. die Anklage unterdessen zurückgezogen hat und vor Gericht sagt, sie sei damals «blind vor Liebe» gewesen und: Sie hätte die Anzeige nur gemacht, weil es ihr nicht gut ging.

Gerichtspräsident Thomas Müller liess sich nicht täuschen: «Selbst ein Kriminalschriftsteller hätte es nicht geschafft, solch lebensnahe Schilderungen zu erfinden, wie sie der Anklageschrift zu entnehmen sind», sagte er am Schluss der Verhandlung.

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