Sie schenkt Menschen Zeit

Geschichten-DJ: In der Lifetime-Bar im Stapferhaus Lenzburg kümmert sich Doris Graber als Storykeeperin um die Ausstellungsbesucher. (Oliver Menge)

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Geschichten-DJ: In der Lifetime-Bar im Stapferhaus Lenzburg kümmert sich Doris Graber als Storykeeperin um die Ausstellungsbesucher. (Oliver Menge)

Wegen eines Unfalls, der nicht richtig behandelt wurde, war Doris Graber lange Zeit arbeitsunfähig. Nichts tun, das liegt ihr aber nicht. Sie meldete sich bei Benevol und fand eine spannende Aufgabe als Storykeeperin in der Ausstellung «Nonstop».

Astrid Bucher

Doris Graber meldete sich zur Freiwilligenarbeit, weil sie sich zu Hause langweilte. Wegen eines Arbeitsunfalles im Jahr 2006 konnte sie ihre linke Hand nicht mehr hundertprozentig benützen. Ihre Arbeit als Betreuerin von Schwerstbehinderten musste sie darum aufgeben. Ein Jahr lang war sie sogar ganz arbeitsunfähig. «Nichts tun, dass liegt mir nicht», sagt Graber.

Sie meldete sich zuerst bei einer Anlaufstelle für Freiwilligenarbeit in Zürich. «Ich wusste gar nicht, dass Benevol eine Geschäftsstelle in Olten hat», sagt Graber, die selber in Olten wohnt. Zufällig kannten sich die Benevol-Geschäftsführerin Rosemarie Wyss und Doris Graber, was die Suche nach einer geeigneten Aufgabe erleichterte. «Eines Tages rief sie mich an und meinte, sie hätte da etwas, das zu mir passen würde. Tatsächlich sagte mir die Aufgabe zu und ich meldete mich sofort an.» Schliesslich begann sie im März 2009 als freiwillige Mitarbeiterin im Stapferhaus Lenzburg. «Da ich in den letzten 15 Jahren im Sozialbereich tätig war, kam der Ausgleich gerade im richtigen Moment.»

Eine Bar ohne Getränke

Jeweils an einem Nachmittag pro Woche arbeitet sie an der Geschichten-Bar Lifetime als Storykeeperin. Die Ausstellung «Nonstop» dreht sich rund um die Geschwindigkeit des Lebens. «Alle, die kaum Zeit haben, sollten sich wenigstens für die Ausstellung Zeit nehmen», rät Graber. «Es lohnt sich», verspricht sie. In der Lifetime Bar bedient Graber die Plattenspieler. Drinks gibt es keine, dafür jede Menge Geschichten, die man auf einem Menükärtchen auswählen kann: «Menschen erzählen ihre persönlichen Erlebnisse rund ums Thema Zeit», verrät Graber. Als Storykeeperin hilft sie den Besucherinnen und Besuchern bei der Auswahl und schaut zum Rechten. «Ab und zu hat es Jugendliche, die schwierig sind, doch diese Probleme sind immer lösbar, oder die Leute sind nicht zufrieden mit den Geschichten, was auch legitim ist.»

Dass es für ihren Einsatz keinen Lohn gibt, ist nicht wichtig. «Es ist spannend, mit den unterschiedlichen Besucherinnen und Besuchern zu kommunizieren und auch gelegentlich ihre eigenen Geschichten rund um die Zeit zu hören. Es gibt lustige und manchmal auch ernstere Momente, aber Spass habe ich immer.»

Für die Kunst fehlte das Geld

Seit vielen Jahren arbeitet Graber im sozialen und zuvor im kaufmännischen Bereich. Per Juni 2009 wollte sie nach ihrer Arbeitsunfähigkeit unbedingt wieder arbeiten. «Glücklicherweise hatte ich keine Mühe, eine neue Arbeit zu finden», sagt Graber. Sogar zwei Stellen standen ihr offen. Bis Ende Juli arbeitete sie als Betreuerin in der Notschlafstelle in Zürich. Jetzt im August hat sie eine 70-Prozent-Stelle in der Eingliederungsstätte Baselland in Liestal angenommen. «Eigentlich hätte ich immer gerne etwas im Kunstbereich gemacht, zum Beispiel Kunsttherapeutin. Als alleinerziehende Mutter fehlte mir damals einfach das Geld für die entsprechende Ausbildung», sagt Graber.

Die Freiwilligenarbeit im Stapferhaus war darum ein schöner Ausgleich zu ihrem Berufsleben im Sozialbereich. Sinnigerweise hat sie aber für die Aufgabe im Stapferhaus nun keine Zeit mehr. «Es ist ein freiwilliger Entscheid, dass ich aufhöre. Halbpatziges gibts bei mir nicht», betont Graber. Bei der Arbeit als Storykeeperin muss man einfach präsent sein. Sie hätte die fünf Monate Freiwilligenarbeit sehr genossen. «Jetzt nehme ich eine neue Stelle an und die Einsätze sind zeitlich einfach nicht mehr möglich», sagt sie. Aber wenn sie pensioniert sei, «und das geht ja nicht mehr so lange», dann könnte sie sich vorstellen, dass sie sich wieder als Freiwillige engagieren würde. Die Kontakte habe sie ja jetzt bereits.

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