Silvan Hartmann

Schon in jugendlichem Alter wollte Maja Dätwyler (56) in einem aussergewöhnlichen Land leben. Bald kamen Länder in Asien oder Zentralafrika infrage. Das passte ihr aber nicht: «Die koloniale Arbeitsweise dort war wirklich nichts für mich», erinnert sich Dätwyler, die in Wettingen aufgewachsen ist. Doch dann machte sich die Ärztin auf nach Peru. «Ich kannte bereits Leute, die dort arbeiteten, und liess es dann etwas auf mich wirken», sagt sie. Es ging nicht lange, bis sie einen persönlichen Bezug zu Peru herstellen konnte. Sie arbeitete daraufhin 9 Jahre lang bei Hilfsprojekten im Hochland und in den Regenwäldern mit.

Trotz guten Erfahrungen sei es 1998 an der Zeit gewesen, in Cusco eine eigene Stiftung mit dem Namen «Ekklasia – una mision» zu gründen. Die Stiftung kümmert sich schwerpunktmässig um Kinder und Obdachlose. Dätwyler baute sechs Projekte auf und leitet diese. «Ein grosses Problem in Peru sind Vergewaltigungen von Mädchen, die dann teilweise im Alter von nur 11 oder 12 Jahren schwanger werden und im schlimmsten Fall von der eigenen Familie verlassen werden», sagt Dätwyler. Da brauche es intensive Betreuung. Weiter können die Peruaner gratis eine Beratungsstelle von Maja Dätwyler aufsuchen, die sich mit verpassten Eintragungen der Kinder bis hin zu Gewalt in Familien beschäftigt. «Eine sehr beliebte Stelle», erwähnt Dätwyler nicht ohne Stolz.

Eine gewisse Distanz wahren

Weitere Projekte befassen sich mit Strassenkindern, einem Waisenheim, ausgesetzten Neugeborenen, die bis zur Adoption begleitet werden, oder Unterstützung für geistig Behinderte. Die Kinder jeweils mit Liebe aufzunehmen und doch eine gewisse Distanz zu wahren, gehört zu Dätwylers Job. Hat sie mal mit einer Situation Mühe, arbeitet sie an einem anderen Projekt weiter. «Ich bin zum Glück eine Person, die das alles sehr gut wegstecken kann und mit dem Wechsel in ein anderes Projekt abschalten kann», sagt sie. Beruf ist deshalb für sie auch Leidenschaft und Hobby zugleich.

Zurzeit weilt sie während sechs Wochen in der Schweiz, um ihre Spender der Stiftung zu treffen. Doch auch die Familie und Freunde dürfen bei ihr nicht zu kurz kommen. Sie freut sich immer wieder auf die Besuche in ihrer Heimat Wettingen.

Trotzdem war sie zu Beginn ihres Lebenswerks gerade mal
alle drei Jahre für ein paar Wochen in der Schweiz. Heute ist es aus familiären Gründen etwas häufiger. Obwohl sich die Schweiz und Peru total unterscheiden, hat sie bei Besuchen noch nie einen Kulturschock erlebt. «Ich bekam mal den Ratschlag, die Heimat nicht mit
Peru zu vergleichen. Das gelingt mir ganz gut.» Sie glaube aber, in der Schweiz trotzdem nicht mehr luxuriös wohnen zu können. «Ich bin bescheidener geworden», sagt sie.

Schattenseiten aufzeigen

Angesprochen auf die wirklichen Probleme der Welt und wie sie die Probleme in der Schweiz wahrnimmt, sagt Dätwyler: «Früher hatte ich oftmals Mühe, wenn Schweizer über ihre Probleme sprachen.» Heute habe sie dafür nur ein Lächeln übrig – ohne dabei abschätzig sein zu wollen. Sie zeige dann die wirklichen Schattenseiten der Welt auf. Um krasse Sonnen- und Schattenseiten zu sehen, muss sie nicht weit weg. Auch vor Ort in ihrer Wahlheimat
Cusco erlebt sie diese. Denn in der peruanischen 100000-Einwohner-Stadt sind sowohl der
5-Sterne-Tourismus beheimatet als auch die Armut.

Ihre Zukunft ist offen

In rund zwei Wochen reist Maja Dätwyler zurück nach Peru. Dort wird sie ihre Zielsetzungen konsequent verfolgen. «Ich will, dass die Stiftung auch über meine Führung hinaus weitergeführt wird. Das ist bei den sechs Projekten bislang nur teilweise gewährleistet», sagt sie. An ein Ende will sie noch nicht denken. «Ich weiss nicht, ob ich jemals wieder in der Schweiz leben werde, nur noch ein Jahr in Peru bin oder gar für immer bleibe. Das wird sich zeigen.»