«Sie handelte besonders skrupellos»

«Sie handelte besonders skrupellos»

«Sie handelte besonders skrupellos»

Horgener Zwillingsmutter steht am 10. März vor Gericht – Anklage lautet auf mehrfachen Mord. Die Mutter der ermordeten Horgener Zwillinge sitzt seit Ende Dezember 2007 in Haft. Laut Anklage ist ihr Mordmotiv unter anderem in ausserehelichen Affären zu suchen, die sie vertuschen wollte.

Gaby Schneider

Licht in die Geschehnisse der Nacht vom 23. auf den 24.Dezember 2007, als in Horgen ein knapp achtjähriges Zwillingspärchen getötet wurde, bringt die gestern den Medien zugestellte Anklageschrift zum Prozess vom 10.März. An jenem Abend vor Weihnachten gingen die Zwillinge Mario und Celine um Viertel vor neun in ihren Zimmern zu Bett. Der heute 41-jährige Vater der Kinder schlief im ehelichen Schlafzimmer um 23Uhr ein. Die Frau stand wieder auf, legte mehrere Geschenke für die Kinder unter den Weihnachtsbaum, ging dann in die beiden Kinderzimmer. Dabei habe sie in Tötungsabsicht mit einem Kissen oder mit einem anderen weichen Gegenstand während einiger Minuten mit massiver Gewalt auf Oberkörper, Hals und Atemwege der schlafenden Kinder gedrückt. Um einen Einbruch vorzutäuschen, verstreute sie Kleider und leerte den Inhalt ihrer Handtasche auf der Sitzgruppe im Wohnzimmer aus.

Um 2.30Uhr alarmierte das Ehepaar die Polizei, meldete, bei ihnen sei eingebrochen und die Kinder erstickt worden. Beim Eintreffen der Polizei war der Knabe bereits tot, das Mädchen starb auf dem Weg ins Krankenhaus. Bald stellte sich heraus, dass der Einbruch fingiert war. Die Polizei nahm beide Elternteile fest. Im März 2008 wurde der Vater aus der U-Haft entlassen, nachdem bewiesen war, dass er mit der Tat nichts zu tun hatte, anders als seine heute 37-jährige Ehefrau, der nun der Prozess gemacht wird.

Zwei aussereheliche Affären

Die Mutter habe zur Tatzeit unter einigen sich zuspitzenden Belastungen gelitten, zum Beispiel unter zwei gleichzeitig geführten ausserehelichen Beziehungen, wovon ihr Mann nichts wusste, heisst es in der Anklageschrift. Wegen der Affären drohte ein Eklat, wenn der Mann davon erfahren hätte. In dieser Situation habe sie die Lösung in der Tötung der beiden Kinder gesehen und setzte dies konsequent und geplant um, weshalb die Anklage auf mehrfachen Mord lautet. Im Zuge der Vernehmungen untersuchte die Staatsanwaltschaft, ob nicht auch das erste Kind des Ehepaars, ein 1999 geborenes Mädchen, das nur eineinhalb Monate lebte, eines gewaltsamen Todes gestorben war. Dieser Verdacht konnte ausgeräumt werden.

Publikum sieht Prozess per Video

Als «besonders verwerflich und skrupellos» bewertet die Anklage das Vorgehen der Hausfrau. Staatsanwalt Markus Oertle hält sich derzeit zum Fall bedeckt. «Ich habe entschieden, vor diesem Prozess keine Fragen zu beantworten, weil der Prozess vor Geschworenengericht in der Hauptverhandlung geführt werden soll und nicht vorab in den Medien.» Oertle wird seinen Strafantrag während des Prozesses verkünden, das ist bei Geschworenenprozessen so üblich. Ein Strafrahmen von zehn Jahren Freiheitsstrafe bis lebenslänglich ist für eine derartige Tat vorgesehen. So hatte beispielsweise das Geschworenengericht den Hirzeler Prostituiertenmörder 2006 zu 17Jahren Zuchthaus verurteilt.

Dass der Prozess vor Geschworenengericht stattfindet, liegt daran, dass die Angeklagte jegliche Schuld von sich weist. Deshalb konnte sie auch keinen vorzeitigen Straf- oder Massnahmenvollzug antreten, sondern befindet sich weiterhin in Sicherheitshaft, sprich
U-Haft.

Der Prozess wird aus Platzgründen ohne Publikum abgehandelt. Er findet wegen der Renovation des Obergerichts-Gebäudes im Gerichtsprovisorium im Zürcher Seefeld statt. Richter, Geschworene und Journalisten sowie die Angeklagte und Zeugen sind für drei Wochen im «Ausweich-Gerichtssaal» in der Klausstrasse 4 im Seefeld. Das Publikum hingegen sieht den Prozess per Video in einem Saal des Hallenstadions, der etwa 100Plätze fasst. Auch hier sind strikte Eingangskontrollen vorgesehen, damit nicht etwa per Handy gefilmt wird.

Vater zog weg

Der Vater der Kinder ist nach den ihn sehr belastenden Ereignissen aus Horgen weggezogen und hat laut «Blick» die Scheidung eingereicht. Als Zeuge am Prozess wird man ihn auch zu Gesicht bekommen. Das ehemalige Domizil der Familie, eine 5½-Zimmer-Wohnung in einem Mehrfamilienhaus an der Hüttenstrasse im Horgener Ortsteil Arn, ist wieder vermietet.

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