Anna Sommer

Sie erzählt mit Messer Geschichten

Die Illustratorin und Comiczeichnerin Anna Sommer kehrt mit Papierschnitten in den Aargau zurück. Die ehemalige Staffelbacherin stellt in Aarau aus.

Sabine Kuster

Ein Liebespaar sitzt nebeneinander, er lächelt freundlich, sie weint ein bisschen. Das Bild, aus buntem Papier geschnitten, würde einem das Herz erwärmen, trüge sie nicht den Kopf eines Vogels und er denjenigen einer Katze.

Die Zürcherin Anna Sommer erzählt immer Geschichten – selbst mit einem einzelnen Bild. Zwanzig Jahre ist es her, seit sie den Aargau verliess. Diesen Monat kehrte sie mit einer Ausstellung in die Galerie Ausschnitt, Raum für Schnittkunst, an der Golattenmattgasse 3 in Aarau zurück.

Gewöhnlich hängen hier klassische Scherenschnitte aus schwarzem Papier. Galeristin Felicitas Oehler ist die Präsidentin des Schweizerischen Scherenschnitt-Vereins und sie sagt: «So weit weg vom Traditionellen waren wir mit einer Ausstellung noch nie.» Doch sie hat nichts dagegen, wenn Unkonventionelles aus Papier geschnitten wird – im Gegenteil: «Ich bin froh, gibt es auch noch anderes», sagt Felicitas Oehler.

«Frauen geben mehr her»

Um den Unterschied deutlich zu machen, nennt Anna Sommer ihre Kunst ohnehin Papierschnitt statt Scherenschnitt. Schliesslich benutzt sie zum Schneiden nicht die Schere, sondern den Cutter. Auf ihren Bildern sind meist Frauen zu sehen: grazil und chic. «Frauen sind schöner zu schneiden», findet sie, «sie geben einfach mehr her.»

Frauen, die hohe Absätze tragen, haben sie schon als Kind fasziniert. Damals war es die Frau des Garagisten in Staffelbach, die Stöckelschuhe trug und eine ausgefallenere Garderobe als die anderen Frauen im Dorf. In Staffelbach wuchs Anna Sommer in einem alten Bauernhaus auf.

In der Zeit der Puch-Mofas. Beides und vieles mehr aus Anna Sommers Kindheit kommt in ihrem Comic-Buch «Die Wahrheit und andere Erfindungen» vor. Während sie ihre Illustrationen aufwändig aus Papier schneidet, sind ihre Comics mit Tusche gezeichnet. «Da brauche ich Tempo», sagt sie.

Sehnsucht nach Staffelbach

Mit zehn Jahren zog sie nach Aarau und besuchte mit der Klasse ein Sommerlager im Ferienhaus in Ftan. Auch von diesem Ort der ersten Küsse erzählt sie in einer Comic-Geschichte. «Ich dachte immer, ich würde in Bildern denken», sagt sie, «doch bei der Arbeit an diesem Buch merkte ich, dass das nicht alles ist. Auch Gerüche und Gefühle gehören zu meinen Erinnerungen. Das machte das Zeichnen schwierig.»

Mit 20 zog sie nach Brugg und mit 22 Jahren endgültig in die Stadt der vielen Stöckelschuhe. Damals war sie noch Grafikerin. In Zürich ist sie geblieben und spürt nur manchmal, wenn sie übers Land fährt, eine Sehnsucht nach Staffelbach. Doch wichtig für sie sind ohnehin nicht Orte, sondern Begegnungen und Beziehungen. «Schon in meinen Kinderzeichnungen ging es um die Beziehung zwischen Mann und Frau», sagt sie.

In der aktuellen Ausstellung hingegen geht es um Beziehungen zwischen Mensch und Tier beziehungsweise Frau und Tier: Eine Frau trägt Orangen in einem Einkaufsnetz und hält gleichzeitig einen Reifen, durch den ein Eichhörnchen springt. Eine Frau mit barer Brust füllt Milch für eine Katze in eine Schale. Die Geschichten dazu muss sich der Betrachter selbst denken.

Ausstellung in Aarau bis zum 3. Juli in der Galerie Ausschnitt, Raum für Schnittkunst, an der Golattenmattgasse 3. Do und Fr, 14–18, Sa, 10–16 Uhr.

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