Schrebergarten Wohlen
Sie chrampfen für grosse Tomaten und glückliche Familien

Da wird ein Gewächshaus gestellt, dort gar ein Gartenhüsli neu gebaut: Der Schrebergarten in Wohlen erwacht mit dem Frühling aus dem Winterschlaf. Auffällig: Beim Werkeln und Gärtnern haben Männer das Sagen. Im Wohler Schrebergarten verbringen Schweizer, Italiener, Türken und Ex-Jugoslawen ihre Freizeit.

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Sie chrampfen für grosse Tomaten und glückliche Familien

Sie chrampfen für grosse Tomaten und glückliche Familien

Fabian Muster

«Ich bin heute extra ein bisschen früher da, um noch zu arbeiten», sagt Francesco Morelli lachend, «nach 17 Uhr, wenn die meisten Schrebergartenbesitzer auftauchen, erledige ich kaum noch etwas.» Es ist früher Nachmittag, der zweite Tag im April über 15 Grad. Der Italiener hämmert und schraubt sich gerade sein neues Gewächshaus aus Holz zusammen. Sein «Tomatenhüsli», wie er sagt. Hier im Familiengarten im Wil, wie der Schrebergarten von Wohlen offiziell heisst, hat fast jeder sein eigenes Tomatenhüsli – fast so, als ob die Hobbygärtner einen Wettkampf führen würden über die schönste und grösste Tomate.

Noch sind die meisten Beete in den Schrebergärten leer oder noch gar nicht gemacht. Francesco Morelli hat dieses Jahr Grosses vor: Nebst Tomaten will er Salat, Spinat, Saubohnen, Erbsli, Zwiebeln, Knoblauch und Radiesli anpflanzen. Zum Eigenbedarf, «aber viel verschenke ich auch an Kollegen». Der 75-jährige Rentner, der seit über 20 Jahren seinen Pflanzenblätz hegt und pflegt, sei in der wärmeren Jahreszeit fast jeden Tag hier anzutreffen. «Dies ist mein Reich, zu Hause hat meine Frau das Sagen», so Morelli augenzwinkernd. Und nach 17 Uhr wird sein Garten bei einem Jass und einem guten Glas Wein schon mal Treffpunkt seiner Nachbarn – auch sie alles Italiener. Sie stellen mit den Schweizern die grösste Bevölkerungsgruppe im Wohler Familiengarten.

Gleich ein neues Gartenhüsli

Robert Paponja aus Kroatien hat noch Grösseres vor: Er will nicht nur ein Tomatenhüsli aufstellen, sondern gleich noch das Gartenhüsli dazu. «Ich habe die Parzelle vor drei Jahren von einem Spanier übernommen, das Hüsli war schon alt und zu wenig hoch», sagt der Zweimetermann. Petrus kommt ihm mit dem Frühlingswetter entgegen: Er hat sich gleich eine Woche Ferien genommen. Schliesslich will er im Sommer parat sein, wenn er mit seiner Familie Wochenende für Wochenende «im kleinen Paradies» verbringt. Unter der Woche ist dann Gartenarbeit angesagt: Wasser giessen, jäten oder einfach mal eine halbe Stunde nach Feierabend ausspannen. Bei Familie Paponja ist dies ebenfalls Männersache: «Den Grossteil der Arbeit erledige ich. Nur, wenn ich grille,
ist meine Frau auch dabei», schmunzelt er.

Bei seinen Kindern hat er schon mehr Glück. «Ich mache das Loch in die Erde und sie setzen dann das Samenkorn ein», erzählt er nicht ohne Stolz. Paponja schätzt die ruhige, verkehrsarme Lage des Familiengartens. «Für Kinder ist es ideal, weil auch gleich noch ein Spielplatz in der Nähe ist.» Ihm gefällt, dass seine Sprösslinge viel draussen sind und nicht vor dem Fernseher oder Computer sitzen.

«Ich bin multikulti»

Hanspeter Herde hat als einer der wenigen kein Tomatenhüsli im Garten stehen. «Ich pflanze einfach resistentere Sorten an.» Die Früchte seien zwar etwas kleiner, aber das störe ihn nicht weiter. Er versuche sowieso, alles biologisch anzubauen. Er ist im Sommer nach der Arbeit fast jeden Tag hier anzutreffen. «Als Ausgleich», wie er sagt. Am Wochenende sei dann Grillieren angesagt. Für Herde ist
die Welt hier in Ordnung. Den Schrebergartenbesitzern, die einen Stromanschluss fordern, hält er entgegen: «Bei uns steht das Gärtnern im Vordergrund und nicht die Grande Fiesta wie in Zürichs Familiengärten.» Das seien halbe Wochenendhäuschen. Der Schweizer stört sich auch nicht am grossen Ausländeranteil: «Ich bin multikulti.»

Zu werkeln gibts bei ihm immer was. Herde, der seit über 20 Jahren seine Parzelle bewirtschaftet, legt gerade eine Wasserleitung an. Mit dem Schöpfen mittels Spritzkanne aus der Regentonne soll nun Schluss sein.

Strom wäre kein Luxus

Kadime und Hüseyin Sayilier sind die einzigen beiden, die es sich bereits auf der Hollywoodschaukel bequem machen. Bei einem Bier geniesst das türkische Ehepaar die Sonne. «Wir trinken es lieber hier, als im Restaurant zu sitzen», sagt Hüseyin.

Rucola und Petersilie haben sie bereits geernet – diese überwinterten im Tomatenhüsli. Doch nun werden im Gewächshaus – wie es sich gehört – erneut Tomaten angesetzt. Ihr Sohn, der sich ebenso fürs Gärtnen begeistern kann, hilft ihnen aus. Und auch in diesem Fall ist das nachbarschaftliche Verhältnis blendend: Am Abend wird meistens der Grill des Italieners von nebenan angeheizt. Nur eines stört Hüseyin: Ginge es nach ihm, gäbe es auch Strom. Radio zu hören oder ab und an abends TV zu schauen, stelle für ihn keinen Luxus dar.

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