Sexueller Missbrauch: Freispruch für angeklagten Vater

Jahrelanger sexueller Missbrauch durch den Vater oder ausgeklügelte Lügen der Tochter? Das Strafgericht gelangt wegen erheblicher Zweifel zu einem Freispruch.

Regula Vogt-Kohler

«Es ist nie etwas passiert», beteuerte der Angeklagte, ein 54-jähriger Garagist, immer wieder. Er habe seine Tochter nie angerührt. Diese hatte ihn beschuldigt, sie zwölf Jahre lang sexuell missbraucht zu haben. Wegen erheblicher Zweifel an den Aussagen der jungen Frau kam das Gericht unter dem Vorsitz von René Ernst zu einem Freispruch. «Die Wahrheit kam nicht ans Licht», hielt der Gerichtspräsident in der ausführlichen mündlichen Begründung des Urteils fest. Der Angeklagte hatte die Erwartung geäussert, dass das Gericht die Wahrheit ans Licht bringen und seine Unschuld beweisen würde.

Als Entscheidungsgrundlage standen den Richtern und Richterinnen keinerlei objektive Beweismittel, sondern lediglich einander diametral gegenüberstehende Aussagen zur Verfügung. Auf der einen Seite die heute 19-jährige Tochter, die behauptete, der Vater habe sich an ihr vergangen, seit sie sechs Jahre alt gewesen sei, und ein Ex-Freund der jungen Frau, der den Angeklagten beim Sex mit der Tochter beobachtet haben will. Auf der anderen Seite der Angeklagte, der erstaunlich gefasst die Vorwürfe bestritt. Dass ihn die Tochter massiv beschuldigte, erklärte er mit ihrer psychischen Krankheit. Das Mädchen habe auch unter der von unschönen Episoden begleiteten Trennung der Eltern gelitten, vermutete er. Nachdem er die auf DVD aufgezeichnete Befragung der Tochter äusserlich teilnahmslos angesehen hatte, bezeichnete er ihre Aussagen als «ausgeklügelte Lügen».

Gericht nicht überzeugt

Die junge Frau und ihr Ex-Freund, die an der Hauptverhandlung ihre früheren Aussagen als Zeugen bestätigten, vermochten das Gericht nicht restlos zu überzeugen. Am Schluss seien erhebliche Zweifel geblieben und ein Freispruch sei unumgänglich gewesen, auch wenn ein mulmiges Gefühl zurückbleibe, sagte der Gerichtspräsident. Wie René Ernst betonte, erfolgte der Freispruch nach dem Grundsatz «im Zweifel für den Angeklagten». Es sei möglich, dass die von der jungen Frau geschilderten Vorfälle sich so oder anders oder auch gar nicht ereignet hätten, hielt der Vorsitzende fest.

Wiederholt Lügengeschichten

Eine entscheidende Rolle spielten Fragezeichen, die sich aus den Aussagen des Opfers und des Ex-Freunds ergaben. Es sei absolut undenkbar, dass der junge Mann unbemerkt ins Zimmer des Opfers gelangt sein soll. Und im Zusammenhang mit Aussagen der jungen Frau im Widerspruch zu feststehenden Tatsachen sprach der Gerichtspräsident von einem Schatten, der sich über ihr ganzes Aussageverhalten lege.

Dazu kam, dass die heute 19-Jährige immer wieder Lügengeschichten erzählt und so einen jungen Mann, den sie übers Internet kennen gelernt hatte, fälschlicherweise der Vergewaltigung bezichtigt hatte.

Überhaupt, das Internet: Dieses scheine im Leben der jungen Frau eine recht grosse Rolle zu spielen, stellte René Ernst fest. So habe sie fremde Geschichten heruntergeladen und umgeschrieben. Es sei nicht undenkbar, dass sie eine fremde Geschichte als ihre eigene ausgegeben habe. Es sei aber auch möglich, dass sie die Wahrheit gesagt habe.

In diesem Dilemma gab es für das Gericht nur eine Lösung: den kostenlosen Freispruch, wie ihn Verteidiger Hans Portmann beantragt hatte. Staatsanwältin Eva Eichenberger hatte wegen mehrfacher sexueller Nötigung, Vergewaltigung und sexueller Handlungen mit einem Kind zwölf Jahre gefordert. Wäre es zu einem Schuldspruch gemäss Anklage gekommen, hätte das Gericht das von der Staatsanwaltschaft beantragte Strafmass als realistische Ausgangsbasis in Erwägung gezogen, sagte René Ernst zur Kritik des Verteidigers an der Forderung der Anklägerin.

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