Muriel Mercier

Bisher sind die Laienkünstler von Primavista mit einem Zirkuswagen von Dorfplatz zu Dorfplatz getingelt, haben ihre Requisiten ausgepackt und ihre Kunststücke vorgeführt. Am Samstag gibt es nun nicht nur für das Publikum eine Premiere. «Als unsere Leute das grosse Zelt und die Bühne gesehen haben, haben sie gejubelt», freut sich Rosmarie Krüttli.

Die Regisseurin und Clownin studiert nicht nur die Nummern ein - sie bringt viel Geduld und Liebe mit, damit sich die psychisch beeinträchtigten Akteure auf der Bühne wohl fühlen. «Ich fordere sie, aber ich überfordere sie nicht. Sie lernen kein Skript auswendig. Unsere Nummern entstehen von alleine, wenn wir auf der Bühne stehen.»

Der Psychologe Friedrich Kaiser aus Gelterkinden hat das regionale Zirkusprojekt Primavista 2004 zusammen mit Blacky, einem Gaukler aus Münchenstein, auf die Beine gestellt. Grund: «Für psychisch beeinträchtigte Menschen gibt es kaum Freizeitangebote.» Diese hätten aber auch ein Recht darauf. Bei geistig und körperlich behinderten Leuten sei es einfacher, deren Bedarf zu formulieren. «Psychisch Kranke leiden unter Stimmungsschwankungen. Sie sind auf tragende Beziehungen angewiesen.» Die Integration für alle Beteiligten in einen sozialen Zusammenhang sei eines der Ziele von Primavista.

Insgesamt präsentieren 25 Leute auf der Bühne eine Zirkusnummer - darunter sind auch professionelle

Clowns und Gaukler. Ein achtköpfiges Betreuungsteam ist ständig darauf gefasst, dass ein psychisch Kranker einen seelischen Absturz erleidet. Denn die Teilnehmer in das Rampenlicht zu stellen, birgt auch Risiken. «Es ist schon passiert, dass jemand nicht an eine Aufführung gekommen ist, weil er die Aufregung nicht verkraftet hat», erklärt Kaiser. Wenn die Leute applaudieren, löse das bei den Artisten heftige Gefühle aus und schaffe Unruhe.

Es sei schon vorgekommen, dass Artisten wegen einer Psychose ins Krankenhaus eingeliefert werden mussten. Deswegen gebe es Institutionen, die sich gegen das Projekt Primavista aussprechen, betont Kaiser. «In solchen schwierigen Momenten brauchen die Menschen unsere Unterstützung», betont Krüttli. «Wir haben in unserem Verein Psychiatriepfleger und auch einen Arzt.» Ausserdem seien alle Betreuer während der ganzen Aufführung im Hintergrund für die Hauptdarsteller da. «Nach einem Zusammenbruch kommen immer alle zu uns zurück.»

Trotz tragischen Zwischenfällen verbucht das Team von Primavista viele Erfolge. An erster Stelle steht die Freundschaft. «Unsere Leute passen aufeinander auf», bekräftigt Krüttli. Auch Co-Regisseurin Monika Hari nimmt die Truppe als grosse Familie wahr: «Immer, wenn jemand neu dazustösst, wird er herzlich aufgenommen. Ich spüre auch bei einigen eine persönliche Entwicklung. Viele sind verlässlicher geworden, seit sie bei uns mitmachen.» Einschränkungen gebe es keine - jeder darf teilnehmen.

Ein weiterer Erfolg ist, dass sich die psychisch Beeinträchtigten nicht mehr schämen, sich zu zeigen. Früher hätten sie sich geniert, für ein Foto zu posieren - heute freuen sie sich, wenn sie geknipst werden. «Wir stellen uns alle zusammen auf die Bühne. Für das Publikum ist so nicht ersichtlich, wer von uns behindert ist. So geben wir ihnen Sicherheit», erklärt Krüttli.

Die Projektleitung von Primavista möchte nun einen Schritt weiter gehen. «Wir wollen mit dem Kanton Baselland Verhandlungen führen, damit wir den Betreuungsaufwand künftig in Rechnung stellen können. Würden wir das erreichen, wäre unser Projekt gesichert», erläutert Friedrich Kaiser. Primavista, 25. und 26.4. um 17 Uhr, 28. und 29.4. 20 Uhr, In den Widen, Talstrasse, Arlesheim, vis-à-vis Sportplatz Widen.