Sein oder Nichtsein

1, 4 oder 7. Mit einem Sieg im Kellerduell hat der FC Aarau zumindest den Barrage- Platz wieder in Reichweite. Bei einer Niederlage würde der Rückstand auf Bellinzona sieben Punkte betragen.

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Martin Andermatt

Martin Andermatt

Aargauer Zeitung

FRANÇOIS SCHMID-BECHTEL

Ist es Konzentration? Oder doch Verunsicherung? Kein Gelächter, keine Kommentare während der Übungen, ausdrucksloser Blick, meist auf den Boden gerichtet. Es gab Zeiten, da herrschte im Training des FC Aarau eine andere Stimmung. Gelöster. Selbst während Phasen, in denen die Resultate nicht zum Freudentaumel animierten. «Vom FC Aarau wird immer behauptet, dass er wie eine Familie funktioniere», sagt der neue Trainer Martin Andermatt. «Also erwarte ich von den Spielern, dass sie für diese Familie kämpfen.»

Sein oder Nichtsein. Andermatt hat die Schraube beim Tabellenletzten angezogen. Das Klima ist kühler als unter seinem Vorgänger Jeff Saibene. Taktische Formationen werden wie die Zugschule in der Rekrutenschule exerziert. Und nach aussen gibt sich der Zuger erfolgsorientiert, beinahe gnadenlos. Er verpackt seine Botschaften vor dem bisher wichtigsten Spiel dieser Saison mit populistischen Schlagworten. «Es geht um Aggressivität, es geht um den Verein, es geht um den Ligaerhalt.» Oder: «Die Spieler müssen sich wehren.» Oder: «Ich habe in der Vergangenheit eher Lethargie als Auflehnung ausgemacht. Ich werde alles dafür tun, damit die Spieler realisieren, wie schön es ist zu siegen.» Oder: «Wir müssen den Gegner fressen.» Oder: «Ich lasse keine Ausreden gelten. »

Alles schon mal gehört. Denn Andermatt ist bundesligaerprobt. In Ulm und Frankfurt strampelte er als unbekannter Trainer aus der kleinen Schweiz im medialen Haifischbecken Bundesliga. Dabei hat er etwas gelernt: Sich gut zu verkaufen. Er nutzt jene Kraft, die kernige Aussagen im Glaskasten Fussballbusiness entwickeln können. Er spricht sich und seine Spieler stark, wenn er darauf verweist, dass die Spieler auf seine Methoden ansprechen würden. Und er klammert sich in der prekären Situation, in der sich der FC Aarau befindet, nicht an Alibis. Kein Wort von fehlender Qualität im Kader, wie man dies immer wieder von seinen Vorgängern Saibene und Komornicki gebetsmühlenartig um die Ohren gehauen bekam.

Stattdessen erhöht er bewusst den Druck auf die Spieler. Andermatt meint, er könne damit ein Umdenken provozieren. Winnertypen heranzüchten. Und so fördert er nicht nur den Konkurrenzkampf um die Startformation, sondern sorgt im Training für Wettkampf-Atmosphäre. Beispielsweise mit einem internen Turnier, das ausgewertet und als Rangliste an der Kabinenwand angeheftet wird. Wie die Spieler, die zuletzt fünf Partien in Serie verloren haben, mit zusätzlichem Druck umgehen, wissen wir erst nach dem Spiel gegen Bellinzona.

Sein oder Nichtsein. Mit diesem Satz beginnt der Protagonist Hamlet einen Monolog, in dem er darüber nachdenkt, dass er vor entschlossenem Handeln Scheu hat. Denn er hat Angst vor dem Tod. Gegen Bellinzona steht zwar nicht das Leben auf dem Spiel. Aber es ist sowohl für den FC Aarau als auch für Andermatt ein schicksalhaftes Rendezvous.

Sportwissenschaftsstudent Reto Bürki hat die Trainerwechsel seit der Saison 1999/2000 analysiert. In seiner Studie kommt er zum Schluss, dass in rund 85 Prozent aller Fälle die Teams nach dem Wechsel gleich gut oder besser abschneiden. Signifikant ist der positive Effekt vor allem in den ersten Phase. In den vier Spielen vor dem Trainerwechsel erreichten die Teams im Schnitt zwei Punkte, danach mehr als drei. Da aber bereits im ersten Spiel unter Andermatt - 2:3 im Cup gegen Biel - keine Aufbruchstimmung auszumachen war, braucht es heute gegen Bellinzona ein Erfolgserlebnis. Andernfalls droht der Effekt des Trainerwechsels bereits zu verpuffen. Andermatt sagt: «Ich habe in Aarau eine Situation vorgefunden, in der ich nur gewinnen kann.» Doch er hält auch fest: «Es hat auch Mut gebraucht für diesen Schritt.» Jenen Mut, sich mit dem Überleben des FC Aarau in der Super League auseinanderzusetzen.

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