Seenger Moos als Weltkulturerbe?
Seenger Moos als Weltkulturerbe?

Die besterhaltenen Fundstellen prähistorischer «Pfahlbauten» rund um die Alpen sollen in das UNESCO-Weltkulturerbe aufgenommen werden. Darunter befindet sich auch die Fundstelle Seengen-Riesi.

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Alfred Gassmann

Die Chancen sind intakt, dass Seengen um ein Prädikat reicher wird. Ein wissenschaftlicher Verein bemüht sich engagiert, dass von rund 1000 Seeufer- und Moorsiedlungen aus der Jungzeit und Bronzezeit 150 rund um die Alpen in das Unesco-Weltkulturerbe Aufnahme finden. Mit dabei ist das Seenger Riesi mit einer Fläche von rund 5000 Quadratmetern, die bewaldete und unzugängliche Fläche südlich des Ausflusses des Aabaches aus dem See. Dort lebten «Pfahlbauer» vor rund 1000 v. Chr. Heute erinnert die nachgestellte Pfahlbaute neben dem Männerbad an diese Stätte, wobei das Pfahlbauerhaus eine Baute dokumentiert, wie sie vor 6000 Jahren, also in der Jungsteinzeit, ausgesehen hat, und wie sie z. B. im luzernerischen Wauwilermoos archäologisch nachgewiesen wurde.

Bislang sind keine Zeugen von früheren Siedlungen, heute zum Teil unter Wasser, auf der weltweiten Liste des UNESCO-Weltkulturerbes enthalten. Doch das soll sich nun ändern. Der Verein, in dem alle Schweizer Kantone mit Seeanstoss vom Bodensee bis zum Genfersee sowie die fünf Länder Frankreich, Italien, Slowenien, Österreich und Deutschland zusammengefasst sind, verpasst dem Gesuch für die Aufnahme in das UNESCO-Weltkulturerbe den letzten Schliff. Dabei handelt es sich um zwei Bundesordner voller Inventare und Akten, wissenschaftlicher Untersuchungen, Pläne und Skizzen. Ausserhalb der Schweiz liegen die Fundorte prähistorischer Pfahlbauten hauptsächlich in Savoyen, an den oberitalienischen Seen, im Salzkammergut und in Oberschwaben. Die Bedeutung dieses nicht sichtbaren Weltkulturerbes liegt vor allem in der Erhaltung organischer Reste, die sich nur im feuchten Milieu erhalten können. Das Aufnahme-Gesuch wird Ende Januar in Paris abgegeben.

Einmalige wissenschaftliche Quellen

Die Pfahlbauten wurden vor 150 Jahren «wieder entdeckt»: Im Winter 1853/1854 war der Wasserstand der Schweizer Seen aussergewöhnlich niedrig. An vielen Orten versuchte man die Gunst der Stunde zu nutzen und Hafenanlagen zu erweitern oder dem See Land abzugewinnen. Bei solchen Arbeiten stiess man in Meilen am Zürichsee 30 cm unter dem Seegrund auf morsche Pfähle, Knochen, Keramik und Gegenstände aus Stein, Holz und Bronze. Der Gelehrte Ferdinand Keller entwickelte zusammen mit Naturwissenschaftlern die europäische Pfahlbautheorie, die sich in den letzten 150 Jahren stark gewandelt hat.

Pfahlbauten und Moorsiedlungen aus urgeschichtlicher Zeit sind ein besonderes Phänomen der Alpenländer. In zahlreichen Seen und Feuchtgebieten des Alpenvorlandes blieben sie vorzüglich erhalten. «Sie sind Denkmäler von einzigartiger Bedeutung und wissenschaftlicher Aussagekraft», erklärt Dr. Elisabeth Bleuer, Leiterin der Kantonsarchäologie des Kantons Aargau in Brugg. An keinem anderen Ort der Welt wird die Entwicklung jungsteinzeitlicher und metallzeitlicher Siedlungsgemeinschaften so deutlich sichtbar.

Die Forschung kann ihre Kultur, Wirtschaft und Umwelt vom 5. bis ins 1. Jahrtausend vor Christus erhellen. Das Alter der gefundenen Hölzer lässt sich mit Hilfe der Jahrringe wissenschaftlich bestimmen. Die Jahrringuntersuchungen ermöglichen zudem wertvolle Einblicke in die damaligen Klima- und Umweltverhältnisse, wie beispielsweise Seespiegelhöhen. Auch das Ende der Pfahlbauerzeit lässt sich recht genau bestimmen.

Gewinn für Seengen und das Seetal

Das Label UNESCO-Weltkulturerbe kann den umfassenden Schutz der einzigartigen Quellen unterstützen und das Bewusstsein um ihre weltweite Einmaligkeit stärken. Die Fundstelle im Seenger Riesi ist nicht unmittelbar bedroht. Der Grund ist einfach. Das Areal befindet sich in der Reservatszone gemäss Hallwilerseeschutzdekret vom 13. Mai 1986. Die Vorschriften besagen, dass die einheimischen Pflanzen und Tiere, vor allem die gefährdeten Arten, erhalten und gefördert werden und dass jeder Eingriff untersagt ist.

René Bosshard, Präsident von Seetaltourismus, erkennt im Label eine einzigartige Chance für das Seetal. Dem Aufnahme-Gesuch steht auch der Gemeinderat Seengen sehr positiv gegenüber. Ein hoffnungsvolles Gespann, um das Label UNESCO-Weltkulturerbe für eine zielgerichtete Werbung des Seetals zu nutzen.