Silvan Hartmann

Gestern Mittag, 12.30 Uhr. Im Wyde-Quartier in Birr ist kaum zu übersehen, wo die fussballverrückte Familie Hajrovic wohnt. Schweizer Fahnen, zwei Fan-Schals mit der Aufschrift «Hopp Schwiiz» und eigene Fussball-Shirts zieren den Balkon und erinnern an die unvergesslichen letzten Wochen. Zilka und Safet Hajrovics Sohn Sead wurde am Sonntag mit der Schweizer U17-Nationalmannschaft Fussball-Weltmeister!

Kein Wunder also, dass bei den Hajrovics während des Final-Spiels gegen Nigeria mächtig was los war. «Wir haben das Spiel mit Verwandten und Nachbarn geschaut. Kaum jemand hat es sitzend ausgehalten», sagt Mutter Zilka und lacht. Und als in der 78. Minute ihr Sohn Sead eingewechselt wurde, hatte sie gar ein mulmiges Gefühl. «Man weiss ja nie, was in so einem Spiel alles passiert», sagt sie schmunzelnd.

Ganz anders erlebte es Vater Safet und blieb stets cool. «Sead hat während der ganzen WM gezeigt, was er kann. Er hat sich diesen Erfolg wirklich verdient», sagt er stolz. «So wie die ganze Mannschaft. Trainer Dany Ryser und der Schweizer Fussball-Verband haben sich unglaublich stark für die Spieler eingesetzt», ergänzt Zilka.

Seit zwei Jahren Schweizer

Die Hajrovics sind aus Bosnien-Herzegowina vor 19 Jahren in die Schweiz eingewandert. Vor knapp zwei Jahren wurde die sympathische Familie eingebürgert. Langwierig sei die Sache gewesen, aber das sei «richtig so», meint Zilka Hajrovic, die im Gastgewerbe tätig ist, und sie ergänzt mit klaren Worten: «Es darf nicht das Einfachste sein, eine Staatsbürgerschaft zu erhalten.» Denn für sie galt stets: «Wir müssen dankbar sein, dass wir in der Schweiz leben dürfen. Ich habe eine nette Familie, eine Wohnung, nette Nachbarn und einen guten Job. Das ist nicht selbstverständlich.» Deshalb verspricht sie: «Sead wird auch in Zukunft für die Schweiz spielen. Etwas anderes steht nicht zur Diskussion.»

Sead hat zu Beginn seiner Karriere einige Wochen beim FC Windisch gespielt. Lange blieb er nicht unentdeckt: 2000 wechselte er als 7-Jähriger zu GC. Dort spielte er mit seinem zwei Jahre älteren Bruder Izet, der ebenfalls auf bestem Wege zum Profifussballer ist und oft mit dem Super-League-Team der Grasshoppers trainieren darf.

Den Traum verwirklicht

Im Juli dieses Jahres verwirklichte Sead seinen Traum. Er wechselte in die Fussballacademy von Arsenal London und spielt dort seither in der U18-Mannschaft. Dass Sead, der in London bei einer Gastfamilie wohnt, deshalb nun weniger zu Hause ist, macht den Eltern nicht viel aus. «Ich hatte zu Beginn etwas Angst. Aber nun weiss ich, dass bei Arsenal alles gute Leute sind», sagt Zilka.

Gut sei auch, dass England nicht «sehr weit entfernt» ist. Seit dem Wechsel war Sead schon sechsmal zu Hause, die Eltern bereits ein paar Mal in London. Schon bald wollen sie ihren erfolgreichen Sohn wieder besuchen. Doch vorerst freuen sie sich auf die nächsten Tage. Denn heute kehren die Weltmeister zurück. Wann Sead wieder nach London muss, wissen seine Eltern noch nicht. «Wir hoffen, dass er ein paar Tage hier bleiben kann und wir gemeinsam den Titel feiern können.»