Europride

Schwulen-Hauptstadt? Ja, aber . . .

Höhepunkt: Am Freitaggbend begann das Schlussfurioso der Euro-Pride auf dem Münsterhof. (Matthias Scharrer)

Gay-Pride Zürich

Höhepunkt: Am Freitaggbend begann das Schlussfurioso der Euro-Pride auf dem Münsterhof. (Matthias Scharrer)

Die Parade am Samstag bildet den Höhepunkt der Euro-Pride-Wochen. Zürich – für einen Monat Hauptstadt der Schwulen und Lesben Europas: Das war der Anspruch. Zu spüren war davon für viele nur wenig.

Matthias Scharrer

Mit DJs und Konzerten, Festbeizen und dem Aidswalk als Sammelaktion für die Aidshilfe begann gestern Abend das Stadtfest zum Abschluss der Euro-Pride. Tausende tummelten sich auf dem Festareal zwischen Bürkliplatz und Münsterhof. Zur Gay-Pride-Parade erwarten die Veranstalter für heute Nachmittag rund 50 000 Teilnehmende - je nachdem, ob Petrus mitspielt. Der bunte Umzug der Schwulen und Lesben vom Mythenquai über die Bahnhofstrasse zum Limmatquai bildet Höhepunkt und Abschluss der Euro-Pride.

Euro-Pride - War da was? Es sickerte denen, die nicht zur Gay-Community gehören, nur allmählich ins Bewusstsein: Das alljährlich in einer anderen Stadt stattfindende grösste Festival der Schwulen und Lesben in Europa machte seit Anfang

Mai in der Limmatstadt Station. Hetero-Zürich nahms achselzuckend zur Kenntnis. Nur der evangelikale Verein Familienlobby lief dagegen Sturm. Und mit ihm Ende April die EDU-Fraktion im Zürcher Kantonsrat - was die anderen Fraktionen flugs verurteilten. Zur Euro-Pride-Eröffnung im Sihlcity-Papiersaal zeigte sich auch die eben erst im Amt angetretene Stadtpräsidentin und Lesbe Corine Mauch. Dann wurde es still um die Euro-Pride.

Zu still? Euro-Pride-Sprecher Michael Rüegg verneint: «Wir rechneten nie mit fünf Wochen Rambazamba.» Unter den über 200 Veranstaltungen habe es sehr erfolgreiche gegeben, einige mittelmässig ausgelastete und ein paar wenige, die sich schlecht verkauften. «Abgesagt werden musste meines Wissens lediglich eine Führung des Landesmuseums, zu der sich nur drei Personen vorangemeldet hatten.»

Das Filmfestival Pink Apple, das dieses Jahr unter der Euro-Pride-Flagge läuft, sei mit seinen 70 Filmen hingegen nahezu immer ausverkauft gewesen. Auch Podiumsdiskussionen hätten mit 50 bis 100 Gästen nicht über Besuchermangel klagen können. Und vom Cabaret-Abend mit Röbi Rapp, einem Veteranen der Zürcher Schwulen-Bewegung, sei aufgrund der grossen Nachfrage eine Zweitauflage für Ende Juni geplant. Rüegg räumt allerdings ein: «Der Durchschnitts-Hetero nimmt das nicht zur Kenntnis.»

Zürich als Schwulenhauptstadt? Ja, aber der Anspruch wurde offenbar höchstens für die Gay-Community erfüllt. Wobei Rüegg betont: «Die einzigen, die fanden, Zürich werde von Homos überrannt, waren die Evangelikalen. Wir wollten genau das: Events, die verstreut in der Stadt stattfinden.» Er habe allerdings durchaus eine subtil veränderte Stimmung in der Stadt wahrgenommen: «Du konntest kaum das Limmatquai hinunter laufen, ohne Schwule zu sehen.»

Andere sahen bestenfalls die Fahnen in den Farben des Regenbogens, die auf die Euro-Pride hinweisen. Oder die aufblasbare Lounge-Bar, die am Limmatquai als Anlaufstation des Festivals dient.

Zürich, eine geteilte Stadt? Hier die Homos, da die Heteros, und man lässt sich in Ruhe? Oder eine derart weltoffen-tolerante Stadt, dass ein Anlass wie Euro-Pride kaum noch jemanden kratzt? Rüegg stimmt beiden Erklärungsansätzen nur bedingt zu. Zum einen, weil ein Stück weit durchaus eine Durchmischung der Szenen stattfinde.

Zum anderen sei Toleranz durchaus vorhanden. Doch es gebe auch noch die andere Seite: «50 Prozent der Homosexuellen sind in der Arbeitswelt ungeoutet. Weil sie nicht in die Ecke gestellt werden wollen», sagt Rüegg. Und verweist darauf, dass die Euro-Pride-Macher mit E-Mails, in denen sie als «Hurensöhne» und «Schweinehunde», die «zur Hölle fahren sollen», zuhauf eingedeckt wurden. Auch die Resonanz, die ein kleiner Verein wie die Familienlobby mit ihren Tiraden gegen die Euro-Pride gefunden habe, sei beachtlich. «Es ist schön, dass man als Schwuler in Zürich nicht mehr mit Dreck beworfen wird», sagt Rüegg. «Aber es ist noch nicht so, wie es sein sollte.»

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